Was geschieht, wenn des Teufels Tanzorchester Pandora die Büchse des Bösen stiehlt? Die maskierten Gäste des Metzgers Ballsaals (The Butcher’s Ballroom, Album 2006); auch die Verdammten, denen die letzten Hymnen galten (Sing Along Songs For The Damned & Delirious, Album 2009) stehen Spalier, bereit voll Ungeduld und Gier, Pandora’s Piñata zu öffnen. Und so flutet unheiliger Irrwitz die Geister mutiger Hörer, die der wahnsinnigen Versuchung des dritten Albums des Diablo Swing Orchestra nicht widerstehen können – nicht widerstehen wollen.

Heraus streben Klänge der ungehörten, ungehörigen Art: Symbiose aus Groove-Metal, jazzigen Bläser-Arrangements, Sinfonieorchester, tiefergelegtem Cello und Annlouice Loegdlunds Opernsopran – ein Klangvolumen, das die Kapazität des menschlichen Gehörs voll auszuschöpfen vermag. In Voodoo Mon Amour und Guerilla Laments, sanfter in Kevlar Sweethearts, härter in Exit Strategy of a wrecking Ball spielt das Orchester mit den erwarteten Abnormitäten: Die ersten Geheimnisse, die die Schatulle des Bösen preisgibt, gehorchen dem Taumel, der auch die vorherigen Alben (und so manchen ihnen Verfallenen) in Ekstase versetzte. Nur eines fehlt: Der bisher starke männliche Gegenpart zu Annlouice Daniel Håkanssons ist in die zweite Reihe getreten und begnügt sich mit Komparsenrollen in einem Stück für Solo-Sopran.

Dann aber treibt des Diablo Swing Orchestras Überschwang über ungesehene Grenzen hinweg – und reißt orkanartig selbst tiefstverwurzelte Genreregeln von dannen:
Mit dem lyrischen Aurora könnte sich Annlouice, ihre klassische Opernausbildung voll aussingend, erfolgreich an jedem Broadway-Theater bewerben. Wer sich von Musical- und Disney(!)-Klängen (Black Box Messiah) nicht abschrecken lässt, wird von der Göttin der Morgenröte mit orientalischen Streichern über eine musikalische Brücke zu Mass Rapture verleitet, das alles an Metal und anarchischem Backgroundgesang aufbietet, was in Aurora fehlt – und fehl am Platz gewesen wäre. Kaum verweilt das Orchester in diesem wahnwitzigen – jedoch gewohnten – Ambiente, schon taumelt der entgeisterte Hörer in ein Meer aus BigBand-Klängen mit Männerchor-a-capella-Schlussfigur: Honey Trap Aftermath – so süßlich-chic, dass diese Honigfalle nicht nur Insektenflügel verklebt. Fatal bewegungsunfähig findet sich der erschöpfte Rezipient sodann wehrlos in einer Dusche wider – das Messer aus der Psychoszene erwartend – doch Of Cali Ma Calibre besiegt die psycho-tischen Geigen, marschiert hymnenhaft voran, zwiegespalten von Gitarren- und Schlagzeugaufruhr und „Make peace with all you ever knew/ make peace with all you ever do“ kredenzt von sentimentalen Streichern.
Ungewohnt versöhnlich lädt Justice for Saint Mary den skeptischen Hörer mit Akustikgitarre zum Tee. Doch Argwohn ist berechtigt: Damoklesschwertartige Streicherdisharmonien fällen in den finalen Minuten des letzten Tracks den Schiedsspruch: „Hear, the sound of violence/ it’s a beat that makes us dance.“ – Ästhetik des Hässlichen.

Mit dieser Modifikation ihres „Symphonic Progressive Avant-Garde Swing Metals“ hängt das Diablo Swing Orchestra bereits vogelfrei und haltlos in der Luft. Wohin des Weges – von hier an?

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Rezension: Diablo Swing Orchestra – Sing Along Songs For The Damned & Delirious

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Text: Ann-Kristin Herget