„Dota vertont Konsumkritik und Sehnsüchte so poetisch wie kaum jemand im deutschsprachigen Musikgeschäft…. – so zärtlich, witzig und gesellschaftskritisch erzählt, wie es Tucholsky für die Zwanziger tat.“ (Die Zeit) Und Dota ist nicht nur so gut, dass die Zeit es wagt, sie in eine Schublade mit Herrn Tucholsky zu sperren – sie ist auch fleißig. Seit 10 Jahren tritt Dorothea Kehr als Dota, die ehemalige Kleingeldprinzessin, auf und veröffentlicht mit Wo soll ich suchen ihr 11. Album. In Selbstverlag – und zumindest im Moment noch immun gegen die – wegen der nahezu 70.000 verkauften Tonträger – beharrlich an ihre Tür klopfenden Major Labels.

Aus Dotas Liedern klingt die angenehm bescheidene Selbsterkenntnis, dass deren Sängerin es nicht darauf anlegt, singen zu können. Ohne aufgesetztes Vibrato, selbstverliebte lange Phrasen und Melismen steht hier der eigentliche Hauptakteur dieser Musik – die Botschaft – im Mittelpunkt und Dota zieht sich aus diesem Spotlight in den Schatten zurück.
Konsequent gibt sie – durch das bewusste Nicht-Aussingen der Texte – auch deren Melodien größtmögliche Freiheit. In ihren Liederbüchern findet sich nichts in die engen Grenzen einer notierten Notenabfolge verwiesen – denn Noten fehlen einfach gänzlich. Und erst durch diese Freiheit fängt Dota Melodien ein, die ihr der Sommerwind einflüstert und die sie auf der Straße findet: Die mich gestern als Ohrwurm verfolgten– und morgen könntest du sie pfeifen, während du durch die Stadt wanderst (bestes Beispiel: Stadt am Meer).

Ein Jahr lang hat Dota gemeinsam mit ihrem Gitarristen und musikalischen
Wegbegleiter Jan Rohrbach an dem Album gefeilt. Die Stücke zwischen eingängigem Chanson und Kleinkunst-Pop überzeugen teils in klassischer Band-Besetzung, wie das unruhig-rockige Warten auf Wind, teils reduziert akustisch in Hoch oben oder Sommer, in dem das Schlagzeug durch einen alten Lederkoffer ersetzt wird. Bei einigen Stücken wird das Klangspektrum erheblich erweitert: Blechbläser, die sich innerhalb eines Stückes von einer elegischen Blaskapelle zu einer energiegeladenen Bigband entwickeln (Konfetti). Oder Streicher, die den Hörenden zusammen mit einem melancholischen Akkordeon in die düstere und rätselhafte Atmosphäre des Titelstücks Wo soll ich suchen tauchen.

Das Fingerspitzengefühl, mit dem Dota ihre Verse webt, steht in krassem Kontrast zu ihren Themen: Da werden gesellschaftliche Missstände in Glashäuser gesperrt, in denen Stein-Weitwurf trainiert wird. Die Liebe entlarvt sich als Bonbon: süß – und in Auflösung begriffen. Dota fabriziert sorgfältig formulierte Licht- und Schatten-Lyrik: Pointierte Poesie, die es ganz genau nimmt mit den Gefühlen und den Geschichten. Und deren kognitives Echo nachhallt wie das „Platzen der Bläschen im Milchschaum und explodierende Sonnen im All“ (Risse). Und zwischen lieblichem Dur und teilweise in wilden (Dis-)Harmonien wandernden Tracks (Hoch oben) beschaut Dota die Welt und erzählt von sonnentrunkenen Mikrokosmen am Badesee und anderen Universen.
Zuhören. Staunen.

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Text: Ann-Kristin Herget