Erwarte das Schlimmste, dann wirst du auch nicht enttäuscht, so lautet eine Redensart. Dieser zu folgen hat offensichtlich den Vorteil, dass man selbst im schlimmsten Fall auf diesen vorbereitet ist. Aber nicht nur das: Wenn es dann doch besser kommt als man denkt und sogar alles letztendlich gut geworden ist, ist man darüber umso erfreuter. So verhält es sich dann auch, wenn man hört, dass eine Gothic-Band ausgerechnet Gedichte des Expressionisten Georg Trakl vertont. Passt seine düstere und surreale Lyrik wie die Faust aufs Auge zu Gothic-Klischees jeglicher Art, ist es wohl auch nicht verwunderlich wenn man zunächst ziemlichen Schrott erwartet. Aber zum Glück wird beim Hören von Der Herbst des Einsamen schnell eines besseren belehrt.

Zunächst wundert man sich bei dem Album aber doch. Sind das wirklich Eden weint im Grab? Tatsächlich, die Stimme erkennt man wieder, aber haben diese nicht eher düsteren Metal gemacht? Haben sie auch, aber Der Herbst des Einsamen hat mit seinem Vorgänger Trauermarsch nach Neotopia wenig gemeinsam.

Anstelle von Metal gibt dafür auf Der Herbst des Einsamen düstere Soundcollagen, die an Filmsoundtracks erinnern und lediglich die Stimmung der Gedichte rüberbringen soll. So werden kreischende Orgeln und Chöre eingesetzt sowie das Läuten einer Kirchturmuhr eingesetzt, während die Gedichte vorgetragen werden. Genau deswegen kann man das Album auch eigentlich weniger als Musik-Album bezeichnen – Hörbuch wäre eine deutlich bessere Beschreibung.

Vorgetragen werden die Gedichte mal in krächzender, gequälter oder beinahe manisch-psychotischer Weise, weswegen das Ganze auch etwas theatralisch wirkt, ohne aber jemals peinlich zu wirken, weswegen man hier von einer sehr gelungenen Interpretation des Werks von Trakl sprechen kann. Eine nähere Beschäftigung mit ebendiesem setzt dieses Album aber voraus, da sich einem sonst die metaphernschweren Gedichte nur schwer erschließen.

Homepage: www.edenweintimgrab.de
MySpace: www.myspace.com/edenweintimgrab

Text: Tristan Osterfeld