An dieser Stelle, verehrte Leser, muss ich leider doch ein bisschen weiter ausholen, um eventuell auftretende überschwängliche Lobhudeleien weniger zu rechtfertigen, als vielmehr zu erklären; für den Fall, dass diese Besprechung manch einem unangemessen huldigend oder zu wenig objektiv – Objektivität stellt schließlich zumeist keine schlechte Voraussetzung für ein Tonträgerreview dar – erscheinen sollte, sei hiermit erwähnt, dass das Debütalbum Man Alive der britischen Pop(?)-Band Everything Everything in einer enorm wichtigen Phase meines Lebens beinahe ausschließlich auf der heimischen Anlage zu hören war, es abgöttisch von mir geliebt wurde (und ich es immer noch liebe) und ich es für ein unverzichtbares Meisterwerk der jüngeren Musikgeschichte halte. Eigentlich möchte ich mir ein Leben ohne jene CD nicht mehr vorstellen.

Kaum verwunderlich, dass mich gleichermaßen Vorfreude wie Angst packte, als ich Ende vergangenen Jahres die Ankündigung eines Zweitwerks der sympathischen Musikstudenten las. Obendrein streute die Premiere von Cough Cough, Opener und erste Single des Albums, auf der bekanntesten britischen Rundfunkstation, die ich via Stream eines Abends verfolgte, Salz in meine Wunden, wirkte der Song auf den ersten Hör unausgegoren, der Bruch zwischen hektischen Versen und bombastischem Chorus gefiel mir alles andere als gut und die wenigen Dinge, die meinen Geschmacksnerv trafen, klangen für mich zu sehr wie bereits bekanntes Material der Gruppe.

Ganz erstaunlich, wie schnell sich Meinungen ändern können, gehört der ‚Hust-Song‘ mittlerweile zu meinen Favoriten der Scheibe und die gleichermaßen verschrobenen (And that eureka moment hits you like a cop car) wie eingängig auf den Punkt kommenden (I’m coming to life / I’m happening now) Texte wirken auf einmal wie ein unumstößliches künstlerisches Manifest, bei dem jeder Handgriff, jedes Sample und jedes Kieksen in der Falsett-Stimme von Jonathan Higgs sitzt. Dazu gehört beispielsweise auch, dass das Mellotron in der zweiten Bridge so herrlich nach Progressive Rock klingt.

Oder dass kein Mensch wissen will, wie viele Gesangsspuren eigentlich bei Kemosabe zum Einsatz kamen. Dass Radiant der eingängigste Song über Radioaktivität ist, der je veröffentlich wurde (sorry, Kraftwerk!) und dem Hörer Glücksgefühl über Glücksgefühl beschert. Dass The House Is Dust und Undrowned wie sanfte Hommagen an Radiohead klingen, als diese gerade mit Hail To The Thief ihre Rockwurzeln wieder entdeckten. Dass gerade letzterer, obwohl etwas unscheinbar in der Mitte des Albums versteckt, zum Highlight der ganzen Platte wird und man aufpassen muss, nicht in der Öffentlichkeit, beispielsweise in der Bahn oder an einem Fußgängerüberweg, zu heulen anzufangen, wenn der Song durch die Kopfhörer dringt. Dass sich Torso Of The Week jeglichen Genrebeschreibungen entzieht und dort Math-Funk (!) Frieden mit popmusikalischen Strukturen schließt. Dass in der Tat akustische Gitarren auf Arc zu hören sind, auf Man Alive offenbar noch undenkbar, und zwar auf Feet For Hands. Dass Duet mit einem beeindruckenden Streicherarrangement Post Rock-Strukturen heraufbeschwört. Dass man Armourland zutraut, Michael Jackson wieder aus dem Grab zu befördern, und zwar tanzend. Dass The Peaks ein todtrauriges Pianomusikstück ist, auf dem Higgs mehr als je zuvor nach Peter Gabriel klingt. Dass Arc mit Don’t Try doch noch zu einem versöhnlichen Ende findet.

Dass ich eigentlich jeden der dreizehn Songs hier kurz erwähnen wollte, jedoch einsah, dass dies gar nicht nötig ist, um die Brillanz der Songs und des Albums als Gesamtwerk zu unterstreichen. Und ich mich nun, nachdem Arc fast zwei Wochen auf Dauerrepeat in meinem Umfeld lief, beruhigt zurücklehnen und das Fazit ziehen kann, dass die Scheibe nicht nur qualitativ locker an Man Alive heranreicht, sondern das Debüt sogar noch aussticht, eben weil die Zwischentöne definierter auftauchen, punktierter klingen und stärker ins Songwriting eingebunden wurden. Hin und wieder vermisst man die abartige Zweideutigkeit früherer Texte (vgl. Suffragette Suffragette), doch die aktuell vorherrschende Klarheit darf und sollte man der Gruppe nicht vorwerfen. Vor allem, wenn aus der neu vorherrschenden Eingängigkeit die musikalisch überzeugendsten Momente entstehen; sehr gerne erwähne ich dahingehend noch einmal Cough Cough und Radiant.

Everything Everything gelingt mit Arc erneut ein Fortschritt für die moderne Independent-Musikszene, das ewig Gestrigen mit der einzigartigen Mischung aus markantem Falsettgesang, intelligenten Tanzrhythmen, Klang-/Wortkunst und wunderbaren Melodien aufzeigt, wo der Hammer hängt – eben zeitgemäße wie –lose meisterhafte Musik für die Post-Hippie-Generation.

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Text: Fabian Broicher