Bemerkenswert: Kontrollverlust, das dritte Album des Kölner Trios Granada 74, kommt 13 Songs lang ohne Balladen aus! Die „Zustandsbeschreibung der Generation 30+“ ist eine schweißtreibende Angelegenheit aus rockigen Gitarrenriffs, trocken-treibendem Bass und druckvollem Schlagzeug; Keyboards gibt es allenfalls in homöopathischen Dosen. Die Mischung aus Alternative, Pop und Wave klingt bisweilen etwas retro nach Neuer Deutscher Welle, aber nie nach Aufguss von Altbekanntem. Auch bieten Granada 74 bei aller Kompaktheit des Sounds und bei aller knackigen Kürze der Lieder mehr als nur klanglichen Einheitsbrei. Sänger, Gitarrist und Songschreiber Andreas Raasch setzt sein Instrument vielseitig und differenziert ein und glänzt auch schon mal mit einem kurzen Solo, während sich Bassist Tom Hanschen und die Schlagzeuger Henrik Schomann und Jörn Schwarzburger im Hintergrund halten.

Die Texte des Albums handeln, wie der Name schon sagt, von Kontrollverlust bzw. wie im Song Leinen los vom Wunsch nach selbigem. Die Nummer mit dem Titel Nummer beschreibt das neben dem namensgebenden Opener Kontrollverlust vielleicht am besten, denn darin geht es um ein Selbstgespräch während einer unerwarteten Situation. Insgesamt singt Raasch so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist (und im Kurz-Instrumental Commodore 740 auch mal gar nicht) – vom Metrum her bisweilen spröde, aber genau deshalb interessant.

Eine wirkliche Richtung ist dabei nicht auszumachen. Zwar handelt Dax-Republik recht plakativ vom Turbokapitalismus, aber das sind allenfalls politische Anklänge. Insgesamt ist Kontrollverlust eher ein Streifzug durch den Alltag und allerlei Befindlichkeiten von Sänger Raasch, eher beobachtend und lakonisch kommentierend als bissig kritisierend.

Aber vielleicht ist es ja genau das, was die „Generation 30+“ ausmacht?

Homepage: www.granada74.de
Facebook: www.facebook.com/grd74

Text: Mario Nowak