„Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar“ – eine Textzeile, die jeder, der auch nur annäherend mit Musik zu tun hat, kennt. Ein Meilenstein, ein Hit, ein allseits bekannter Song. Hier hört es dann aber fast schon auf. Eventuell weiß man noch, dass der Original-Interpret Grauzone heißt, unter Umständen ist der Name aber auch schon gar nicht mehr bekannt. Und auch, wenn für das Cover dieser Doppel-CD ein Eisbär im fernen Hintergrund bemüht wurde: Grauzone waren deutlich mehr als dieser eine Hit, der als wegbereitend für die Neue Deutsche Welle galt und im Rahmen dieser auch über die Maßen – nennen wir das Kind beim Namen – „verramscht“ wurde. Dies zeigt beispielhaft die jüngst erschienene Veröffentlichung.

Davon, dass Grauzone vor allem im Post Punk und auch im New Wave (oder hier konkret: Swiss Wave) verankert waren, ist im allgemeinen Gedächtnis kaum bekannt. Ein Song wie Ein Tanz mit dem Tod würde da vielerorten anecken. Endzeitig anmutende Synthesizer und eine düstere Stimmung, dazu ein eher geschriener Gesang sind alles andere als Hit-Maschinen. Vor allem präsentieren sich Grauzone als eine Formation, die machte, was sie wollte. Instrumentale wie Film 2 zeigen das genauso: Ein packendes Stück dunklen Elektros, das auch ganz ohne Vocals seine Atmosphäre entfaltet. Irgendwie zeigen sie sich eben doch zugänglich auf ihre Weise Marmelade und Himbeereis hat beispielsweise gar balladeske Anleihen, bevor die punkig geäußerte Feststellung „Wir sind alle prostituiert“ diesen Eindruck wieder relativiert. Es finden sich somit viele Belege, warum Grauzone in Indie- und auch Gothic-Kreisen eben doch zu einem heimlichen Ruhm gefunden haben. Wütendes Glas ist so ein Beleg. Es besitzt einen starken Groove, eine angenehme Post Punk-Atmosphäre und kann mitreißen – ein Soundgewand, für das viele Bands der heutigen Post Punk-Welle vieles hergeben würden.

Nicht nur die Tatsache, dass es generell heutzutage schwer ist, an den Grauzone-Output ranzukommen, rechtfertigt diese Veröffentlichung. Mehrwert gibt es auch dadurch, dass hier sechs bisher nicht auf CD erschienene und drei davon gar nicht veröffentlichte Songs zu finden sind. Die englische Version von Eisbär beispielsweise ist so ein Fall. Auch das schleppend-verzweifelte Plastikherz ist bisher weder auf CD noch einst auf LP zu haben gewesen. Darüber hinaus wird zur CD ein aufwändiges Booklet mit 24 Seiten mitgeliefert, das einen einleitenden Text von Marco Repetto, die Lyrics und viele Bilder sowie Hintergrundinformationen enthält. Somit eine spannende Veröffentlichung und eine hervorragende Gelegenheit zur Grundlagenforschung!

Erhältlich ist die Veröffentlichung beispielsweise bei:

indietective.de
cede.ch
indie-music.ch
klangundkleid.ch
geneticmusic.de
wool-e-shop.be
cdbaby.com

Homepage: www.mital-u.ch/grauzone/index_g.html
MySpace: www.myspace.com/mitalu

Text: Marius Meyer