Mathematikstudent Walter Gilman (gesprochen von Hannes Maurer) ist fasziniert vom Hexenwahn des späten 17. Jahrhunderts. Obwohl ihn Universitätsdozent Professor Upham (Hans-Georg Panczak) eindringlich bittet, sich seinen Prüfungen statt um den Geschichten von damals zu widmen, verbringt Gilman seine Zeit lieber in der Bibliothek mit Recherchen über die Hexe Keziah Mason (Dagmar von Kurmin) und ihre riesenhafte Menschenratte Brown Jenkin (Marc Gruppe). Seine Neugier geht so weit, dass er sich schließlich sogar in Keziah Masons ehemaligem Haus einmietet und dort die Dachkammer bezieht, in der die Hexe angeblich ihre düsteren Rituale vollzogen hat. Gilman ist überzeugt: Keziah Mason ist ihrem Hexenprozess vor über 200 Jahren entkommen und in eine Zwischenwelt geflüchtet, aus der sie zu den Hexensabbaten immer wieder hervor kommt, um sich ihre Opfer zu suchen. Und tatsächlich beginnt die Dachkammer mit ihrer merkwürdigen Geometrie bald, Einfluss auf den jungen Studenten auszuüben.

Die Geschichte aus der Feder von H. P. Lovecraft ist ein Gruselklassiker um den jungen, unbedarften Menschen, der in seiner Naivität seinen angestammten Platz verlässt. Im Gegensatz zu seinem Kommilitonen Frank Elwood (Louis Friedemann Thiele) ist Walter Gilman nicht arm und könnte sich eine bessere Bleibe leisten. Im Gegensatz zum schroffen Vermieter Dombrowski (Hans Bayer) ist er kultiviert, im Gegensatz zum in der Wohnung unter ihm lebenden religiösen Eiferer Mazurewicz (Wilfried Herbst) mutig und aufgeklärt. Dennoch ist es am Ende der gebildete Student, der den Preis dafür zahlt, dass er zu viel wissen wollte.

Auch im übertragenen Sinne dreht sich die Geschichte dabei in typischer Lovecraft-Manier um zunehmend verwischende Grenzen zwischen verschiedenen Welten. Die Botschaft, so es aus heutiger Sicht noch eine gibt, ist streng genommen eine sehr puritanische: Wäre Walter Gilman an dem ihm von der Gesellschaft zugewiesenen Platz geblieben, hätte er überlebt. Doch weil er in seiner Neugier gegen Regeln und Konventionen verstößt, wird er bestraft.

Die Jubiläumsfolge Gruselkabinett lebt ganz wesentlich von ihrer erzählerischen Kraft. Der klassische Stoff wird mit einer gewissen ihm eigenen Gediegenheit umgesetzt und das Tempo ist im Vergleich zu anderen heutigen Hörspielen des Genres sicherlich ungewohnt langsam, aber die Geschichte ist dennoch ständig im Fluss und mithin ohne Längen.

Die Atmosphäre ist trotz aller Zurückhaltung sehr dicht, die Musik dezent und trotzdem präsent, die Vergeräuschung gelungen. Die Besetzung (mit Hasso Zorn als Erzähler, Roland Hemmo als »Schwarzem Mann«, Horst Naumann als Richter und Johannes Raspe als Gefängniswärter) ist hochkarätig, das Spiel der Sprecherinnen und Sprecher intensiv, wenn auch für meinen Geschmack manchmal arg familientauglich. Die Sprechweise der beiden Studenten Gilman und Elwood wirkt auch mich zudem bisweilen zu modern.

Unterm Strich aber ist Träume im Hexenhaus ein wohltuend anderes, wie aus der Zeit gefallenes Hörspiel mit großer Erzählstärke, das sich dem Trend zu knalliger Action dankenswerterweise verweigert.

Ein besonderes Glanzstück ist auch die der Jubiläumsfolge beiliegende ausführliche DVD-Dokumentation Titania Medien – Ein atmosphärisches Portrait von Kai Naumann, Marcel Barion und Johannes Bade. Der Film ist gewiss (auch) Eigenwerbung, aber das ändert nichts daran, dass er einen tollen Blick in die komplexe und aufwendige Entstehung des Gesamtkunstwerks Hörspiel bietet. Es wäre wünschenswert, dass dieser Film auch über Fankreise hinaus Beachtung findet, damit mehr Leuten bewusst wird: Hörspiel ist eine Kunstform.

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Text: Mario Nowak