Die Idee grenzt ebenso an Dadaismus wie an die Grenzen unseres herkömmlichen Kunstverständnisses. In den kommenden fünfzehn Jahren wollen der Grasanzug tragende Anarcho-Mainstream-Komiker Wigald Boning und Roberto Di Gioia, der lange Jahre bei Klaus Doldinger’s Passport hinter den Tasten saß und zuletzt unter anderem Bonings Jazzausflüge und Notwist-Scheiben produzierte, sage und schreibe 100 (in Worten: einhundert!) Alben produzieren und aufnehmen. Der Clou bei dem Projekt, das Hobby getauft wurde, stellt wohl mit Sicherheit die stilistische Bandbreite dar, die die beiden Musiker anvisieren. Man kann sich bereits auf den mitunter herrlich absurden ersten acht Alben davon überzeugen, dass die Kreativität des Duos kaum Grenzen zu kennen scheint.

Wer sonst käme schließlich auf die Idee, eine Kollektion von Afrobeat-Songs mit einem alten Vier-Spur-Kassettenrecorder aufzunehmen, die Schlagerkoryphäe Tony Marshall ins Studio einzuladen, der hin und wieder über die nahtlos in einander übergehenden Improvisationen Schöne Maid, hast Du heut‘ für mich Zeit? von sich gibt, stets gefolgt von Unmutsbekundungen (Ihr seid überhaupt nicht qualifiziert, mit was verdient ihr denn euer Geld?) gegenüber des Materials, und die Scheibe schließlich 21 Songs, die Tony Marshall nicht singen wollte zu nennen? Eben! Allerdings möchte man Marshall fast danken, dass er nicht über jedes der Fragmente die Zeilen seines größten Hits sang. Auch so, ohne den Schlagerschmunzelfaktor, bleiben nämlich auf dem fünften Album der Reihe genug musikalische Highlights, die Boning und Di Gioia sich gekonnt von Psychedelic-Produktionen der Sechziger abgeschaut haben. Da gibt es das Stereoschlagzeug in Zutumah, die wilde Funkgitarre von Malabuh, die Pink Floyd-Gedächtnisgitarre in Lakulamaweh. Hattet ihr jemals das Bedürfnis, indische Ragas mit finnischen (!!!) Texten zu hören? Atmet auf – Good Old India, Goold Old Ingria heißt die Lösung!

Bezeichnend auch die Anlässe, die hinter der Produktion einer ganzen CD teilweise stehen. CD 1, Baroque, entstand, weil die beiden Musiker zu Werbezwecken in barocken Perücken und altmodischen Kostümen abgelichtet wurden. Die entstandenen Fotos gefielen so gut, dass man sogleich ein Cembalo erwarb und berühmte klassische Stücke und Improvisationen, aber auch bekannte Titelmelodien deutscher TV-Klassiker mit Querflöte und eben jenem billig erstandenen Tasteninstrument interpretierte. Aber auch ganz realitätsgetreue historische Stücke gibt es zu hören. Ein zu Tode komprimierter und bis zur Unkenntlichkeit verfremdeter Boning krächzt beispielsweise zu 20er-Saloon-Piano in The First Singer Ever Recorded. Es wäre beinahe lachhaft, wäre der Sportsgeist und das musikalische Talent des Duos nicht so groß, dass die Hommage an frühe amerikanische Tondokumente auf Die Band Mit Den Vergilbten Fotos qualitativ wirklich hochwertig und realistisch klingt. Schon alleine Bonings Klarinette, die in Doomsday Parade überzeugt, lohnt den Kauf der gesamten Box.

Es hämmern die Achtziger-Beats auf Neon, Hobbys Verbeugung vor der Neuen Deutschen Welle. Gut, der Beinahe-Titelsong Neongirl erinnert eher an Tragedy von den Bee Gees nach einer textlichen Überarbeitung von Kraftwerks Ralf Hütter. Aber wem würde das nicht gefallen? Wenn Du mich küsst / Warnt uns der Geigerzähler / Achtung! Achtung! Fehler! / Wir werden blind und taub. Die Liebe Im Atomreaktor als bessere Version von DÖF’s Sauseschritt? Selbstverständlich! Selbst ihren lange gehegten Wunsch nach einer wahren Popstarkarriere kamen Boning und Di Gioia näher, indem sie Charthits aufnahmen, eine Fundgrube von leichten Melodien und gewollt platten Arrangements, siebzehn Songs stark, mit Titeln wie Jetzt Bin Ich Nackt oder Lady In Grau. Es wimmert die Schweineorgel, es shuffelt das Schlagzeug.

Verblüffend nahe am Vorbild orientiert sich auch die Musik von Maria Braun. Das Album, nach der bislang noch unentdeckten Sängerin benannt, besteht aus Siebziger-Softpornomusik. Vor allem Brauns anrüchig wirkende Stimme überzeugt, obwohl sie, die Hobby angeblich in einer Parfümerie aufgabelten und kurzerhand engagierten, alles andere als explizite russische Texte ins Mikro haucht. Vielmehr rezitiert sie ein Rezept für Borschtsch oder die Verhaltensregeln einer russischen Tankstelle. Man mag kaum glauben, dass sich dieselben Menschen auch für Bildpunk verantwortlich zeigen, das 49 (!!!) Stücke, alle zwischen vier und siebzehn Sekunden lang, umfasst und – ganz im Stile der Descendents – ausschließlich Bildschlagzeilen vertont. A8, A8 – Mutter und Sohn von Straße gedrängt. Jean Pütz, der Batman-Killer oder Justin Bieber werden alle gleichsam vertont. Sollte etwa selbst die herkömmliche Bildschlagzeile durch Hobby zu ihrer wahrhaft passenden Ausdrucksform gefunden haben?

Zurzeit lädt die Band sämtliche Songs des ersten Boxsets in alphabetischer Reihenfolge auf ihren Youtubechannel hoch. Eine ausgedehnte Welttournee ist zurzeit in Planung, Konzerte in New York und Paris wohl schon gesichert. Ob sich Hobby nur mit zwei Billo-Keyboards asiatischer Herstellung auf die Bühne wagen oder gar mit kompletter Bigband anreisen, darüber kann man zum jetzigen Zeitpunkt nur spekulieren. Sicher ist, dass das Mammutprojekt sämtliche Konventionen über den Haufen wirft. Und das ist auch gut so. Ansonsten wäre es wohl kaum so unterhaltsam.

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Text: Fabian Broicher