Dass er sich für sein musikalisches Talent und gegen eine Tenniskarriere entschied, mag kaum einer außer Jan Lundgren selbst verstanden haben. Schließlich galt der Schwede als hoffnungsvollstes schwedisches Jungtalent im Ballsport. Der Erfolg, den er als Jazzpianist bereits mit Goldenen Schallplatten und gewaltigem internationalen Zuspruch feierte, gab ihm zumindest Recht. Nun allerdings traut er sich an die Königsklasse der Jazzkompositionen – dem Solo. Auf Piano Solo: Man In The Fog bestreitet er alleine die knappen fünfzig Minuten Spielzeit und vermag dabei konsequent zu unterhalten und überzeugen. Das Experiment ist geglückt, Lundgren unter den weltbesten Jazzpianisten angekommen.

Dabei bietet er dem Hörer keine rasanten Läufe die Klaviatur rauf und runter, wie man es beispielsweise von Chic Corea kennt. Vielmehr bestechen die zehn Kompositionen durch Atmosphäre und Lundgrens fantastischem Talent als Arrangeur. So gibt er sich vor allem als Interpret von Stücken dritter Parteien, die nicht einmal zwingend etwas mit Jazz zu tun haben müssen. Man hört eine wundervolle Version von Gabriel Faurés Après Un Rêve, die schlicht brillant geglückt ist, sowie The Maids Of Cardiz vom Romantiker Léo Delibes. Beide stellen bereits zu Beginn des Albums Lundgrens sowohl un- wie außergewöhnliche Arbeitsweise vor und machen deutlich, wohin die restliche Klangreise geht, nämlich hin zu entspannenden Pianoklanglandschaften, die, würde man ihr Äquivalent in der Malerei suchen, herbstlichen Aquarellen am ehesten entsprächen.

Erst im kurzen En Lång Väntan För Väntans Skull vom Schweden Bo Nilsson (der unter anderem mit Stockhausen zusammenarbeitete) wird das Tempo ein wenig erhöht. Höhepunkt findet sich allerdings im bereits im Original wunderbaren Theme From „Chinatown“ von Jerry Goldsmith. Lundgren beweist nicht nur hervorragenden und durchaus experimentellen Geschmack durch seine Liedauswahl, sondern interpretiert die Filmmusik von Roman Polanskis Meisterwerk einfühlsam und geduldig, dabei aber stets pointiert und beinahe ironisch gebrochen. Auch der halbe Titeltrack Man In The Fog, leider die einzige Eigenkomposition, überzeugt und kann mit dem meisterlichen Fremdmaterial mithalten, obwohl (oder gerade weil?) der Jazzanteil doch deutlicher hervortritt. Schade, dass Lundgren nicht noch mehr eigenes Material auswählte – vielleicht darf man ja noch auf eine Fortsetzung hoffen.

Lohnenswert wäre diese auf jeden Fall, klingt bereits Lundgrens erster Ausflug in die Solopianowelt absolut atemberaubend überzeugend. Ein ruhiges, melancholisches Album ist ihm hier gelungen, das schon allein aufgrund seiner tollen und gar nicht alltäglichen Mischung von Jazz und Klassik herausragt. Selten traf das Wort Hörgenuss mehr zu, als hier.

Homepage: www.janlundgren.com

Text: Fabian Broicher