Extrablatt! Extrablatt! Sonderausgabe des St. Cleve Chronicle & Linwell Advertiser erscheint diesen November! Neu und druckfrisch! Habt ihr schon die Neuigkeit gehört? Erfahrt hier alles darüber! Das legendäre Gedicht Thick As A Brick von Gerald Bostock, dem vor vierzig Jahren bereits eine spezielle Presseveröffentlichung zuteilt wurde, erscheint nun, inklusive der Vertonung der britischen Rockband Jethro Tull erneut! Neu verpackt und frisch gemischt, von dem aufstrebenden Journalistenstar Steven Wilson, ursprünglich fürs Blättchen Porcupine Tree arbeitend, in neuen, glanzvollen Klang gebracht!

Natürlich kommt so ein Re-Release nicht von ungefähr. Am siebten Januar 1972 erschien eines der besten Progalben aller Zeiten, Thick As A Brick von Jethro Tull, erstmalig. Es setzte nicht nur musikalisch neue Maßstäbe, indem Ian Anderson und seine Band ein zusammenhängendes, vierzigminütiges Stück, nur wegen des Vinylformates in zwei Hälften geteilt, veröffentlichten. Auch die Verpackung der Schallplatte war für die damalige Zeit absolut ungewöhnlich. Anstatt einer herkömmlichen Hülle erschien Thick As A Brick zusammen mit einer Ausgabe der fiktiven Tageszeitung St. Cleve Chronicle. Dort fand man neben einigen absurden Berichten (der Sandburgenmann in einem Exklusivinterview über die Steifheit des Sandes) und Kleinanzeigen (alle damaligen Bandmitglieder annoncierten den Verkauf ihrer Autos) das legendäre, laut Zeitung kontroverse und regelrecht unanständige Gedicht Thick As A Brick, geschrieben von dem Achtjährigen Gerald „Little Milton“ Bostock. Nachdem dieses Gedicht an die Bandmitglieder von Tull weitergeleitet wurde, gefiel es ihnen so gut, dass sie es vertonten und die Musik zusammen mit jener Sonderausgabe veröffentlicht wurde.

Natürlich existierte der junge Poet genau so wenig wie die Zeitung, sondern entsprang der Gedankenwelt von Flötist und Sänger Anderson. Die Texte stammten von ihm und seinen Kollegen, die sich hinter dem Pseudonym des Gerald Bostock versteckten und die Verse, die sich mit dem Erwachsenwerden auseinander setzten, verfassten. Ein billiger Marketingtrick – vielleicht, aber definitiv ein wirksamer, schließlich sorgte bestimmt zum Teil auch das Cover dafür, dass das Album auf Platz 1 der Billboardcharts schoss. Immerhin kam der wilde Mix aus lyrischem Folk, halsbrecherischem Hard Rock und anspruchsvollem progressiven Rock an, jedoch musste die Plattenfirma, aus gegebenem Anlass, auf Singleauskopplungen verzichten. Denn wo sollte man aus einem durchgehenden Stück Musik, in dem die einzelnen Passagen derart ineinander verzahnt waren, einen Teil heraus schneiden? Da Thick As A Brick aus mehreren dreiminütigen Popsongs bestand, die nur durch wilde, teils absolut verrückte Versatzstücke miteinander verbunden waren, wussten die Angestellten von der Plattenfirma bestimmt nur nicht, wo sie zu suchen hatten.

Wie auch immer möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht länger ein Album besprechen, dem man eigentlich nur huldigen kann. Der Einfallsreichtum, die ungewöhnliche Melodieführung, damals wie heute mit absolut nichts vergleichbar, der perfekte Eklektizismus, die elektrisierenden Darbietungen (vgl. das Schlagzeugsolo zu Beginn von Seite 1) sprechen für sich und dürften jeden Hörer, der mit Aufmerksamkeit dem Album lauscht, in seinen Bann ziehen. Thick As A Brick gilt nicht umsonst als einer der Klassiker des Progressive Rock, als definitives Konzeptalbum – und wer sich nur ansatzweise für handgemachte Rockmusik interessiert, für den gehört Tulls Meisterwerk von 1972 definitiv zum Pflichtprogramm.

Wer die Aufnahme noch nicht kennt, bekommt nun die Möglichkeit, dies mit der wunderbaren 40th Anniversary Edition zu ändern. Nachdem die letzte CD-Veröffentlichung von 1997 etwas dumpf und muffig klang (obwohl bereits um Längen besser als der Vorgänger der Band, Aqualung), erscheint in dieser Ausgabe ein brandneuer Remix des Originals von Steven Wilson, seines Zeichens Gitarrist und Songwriter von Porcupine Tree und Großmeister der Wiederveröffentlichungen aus dem Bereich des Prog Rock. Bereits King Crimson und Emerson, Lake And Palmer profitierten von seinen tontechnischen Fähigkeiten, und wie gewohnt leistet er hervorragende Arbeit, arbeitet behutsam Feinheiten heraus, die auf dem originalen Vinylmix untergingen, ohne den warmen, analogen Klang zu verlieren. Sowohl im Stereo-, als auch im Surroundmix hält er sich mit Spielchen und effekthascherischen Momenten zurück, arbeitet nur ein paar Mal wirklich intensiv damit, den Hörer mit Sounds zu umschließen, so beispielsweise am Ende von Seite 1. Somit lohnen sowohl die CD-, als auch die DVD-Version in dieser neuen Edition. Wem Wilsons neue Mischung überhaupt nicht gefällt, bekommt obendrein auf der DVD-A die Chance, dem ursprünglichen 1972er Mix zu lauschen. Musikalisch wie soundtechnisch also ein rundum gelungenes Paket, das kaum Wünsche offen lässt.

Auch haptisch macht die neue Edition viel her, kommt im DVD-Hüllen-großen Media Book daher, in das liebevoll und sehr akkurat sowohl eine Replik der originalen Zeitschrift, als auch ein ausführlicher Farbbildteil auf Hochglanzpapier, in den mehrere Interviews und ein ausführliches Dossier über Jethro Tull eingearbeitet wurden, gebunden sind. Positiv auch, dass die zum Teil recht graphisch anmutenden Songtexte in deutscher wie italienischer Übersetzung vorliegen. So kann man schön überprüfen, wovon Anderson gerade singt, ohne stets überlegen zu müssen, was dies nun auf Deutsch bedeuten könnte. Man hätte schließlich kaum gedacht, dass der Flötistenmeister und spiritus rector der Band zum Teil von Mitesser auf dem Rücken singt.

Somit stellt die 40th Anniversary Edition die ultimative Ausgabe eines wahrlich meisterhaften Albums dar. Thick As A Brick verdient es, auch heutzutage noch gehört zu werden, da es einfach ein bahnbrechendes Stück Musik war und in seiner Einzigartigkeit immer noch ist. Sollte das Album je in einem schlechten Licht gestanden haben, rückt diese Veröffentlichung es wieder in das, welches ihm gebührt – nämlich das Rampenlicht!

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News: Jethro Tull – die 40th Anniversary Edition zu Thick As A Brick
Rezension: Jethro Tull’s Ian Anderson – Thick As A Brick

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Text: Fabian Broicher