Wenn in angeregten Musikerdiskussionen die Streitfrage aufkommt, wer denn wohl der beste weiße Bluesmusiker aller Zeiten sei, schafft man es vermutlich recht schnell sich auf einen Mann festzulegen – das ist Johnny Winter. Der ältere der beiden Winter-Brüder, die mit Albinismus zur Welt kamen, durfte Anfang des Jahres seinen siebzigsten Geburtstag feiern, was Columbia zum Anlass nahm, eine umfangreiche Retrospektive von Winters Solowerk zu veröffentlichen. True To The Blues: The Johnny Winter Story versammelt dabei, auf über vier CDs verstreut, die Höhepunkte von beinahe jedem Studiowerk des Sängers und Gitarristen sowie einige bemerkenswerte, zum Teil unveröffentlichte Liveaufnahmen – bis dato das erste Vorhaben, die Karriere von Johnny Winter gebührend in einer Veröffentlichung zu versammeln.

Die gute Nachricht ist, dass wohl sämtliche folgende Compilations sich an dieser Box werden messen müssen. Wunderbar chronologisch führen die Stücke sowie das höchst informative Booklet den Hörer von Winters Karriereanfängen in den späten Sechzigern, in denen sein charakteristischer Dobro-Slide-Sound die Ohren aller Bluesfans begeisterte, bis zu späteren Arbeiten mit Vince Gill oder Derek Trucks. Lediglich ein einziges Studioalbum fehlt hier gänzlich; da es sich hierbei jedoch um I’m A Bluesman handelt, welches gemeinhin als Winters schwierigstes Werk gilt und von vielen Fans gescholten wird, fällt diese Tatsache eigentlich kaum ins Gewicht.

Ganz ähnlich wie bereits die ähnlich aufgebaute Zusammenstellung von Dylans Gitarrenprotegé Mike Bloomfield, kommt auch True To The Blues als hochformatiges Digipack daher, in dem das wunderschön gestaltete, 52-seitige Booklet lose liegt, sodass man beim Schmökern auch nicht ständig die Box in den Händen halten muss. Dort kommen, neben Brad Tolinski vom Guitar Magazine, der einen höchst informativen Text über Winter beisteuert und unter anderem endlich auch darüber aufklärt, warum Winters Woodstock-Auftritt damals aus dem legendären Film geschnitten wurden, auch so ziemlich alle berühmten Gitarristen der Woodstock-Ära vor, die allesamt sehr von Winters ungewöhnlichem und einzigartigem Spiel beeinflusst wurden. Kein Wunder, hatte man solch leichtfüßige, gleichermaßen hochkomplexe Licks zuvor selten gehört. Von Pete Townshend bis Santana – sie alle berufen sich auf Johnny Winter.

Dass Townshend Winters Interpretation von Millers Eyesight To The Blind, das der Gitarrist mit den schlohweißen Haaren schon lange live spielte, vor der Aufnahme von Tommy kannte, mag mit Sicherheit niemand bestreiten. Auch Angus Young von AC/DC dürfte zuhause heimlich zu den ersten drei Winter-Alben geübt haben. In der Tat übertrug sich bereits damals Winters einmalige Power und Leidenschaft erstaunlich gut auch aufs Tonband, wobei es beinahe egal war, ob er sich an Blues probierte oder nicht. Die musikalisch besten Momente auf dieser Box finden sich gar erst dann, wenn Winter sich von seinem favorisierten Genre entfernt und beispielsweise Bob Dylans Highway 61 eine fantastische Frischzellenkur unterzieht. Für Winters Qualitäten sollte sprechen, dass Dylan selbst ihn zu seiner 30th Anniversary Celebration einlud.

Den beinharten Fan dürfte es allerdings etwas enttäuschen, dass lediglich vier Liveaufnahmen an dieser Stelle zum ersten Mal das Licht der Welt erblicken. Dabei handelt es sich um die grandiosen Aufnahmen von Winters Band auf dem Atlanta Pop Festival 1970, auf dem ein junger Rick Derringer an der zweiten Gitarre zu bestaunen ist. Doch eigentlich überwiegen die positiven Eindrücke, als dass ein solcher Lapsus groß stören würde. Ansonsten beschränkt sich die Auswahl nämlich wahrlich auf die Essenz des Winters’schen Soloschaffens. Somit bietet True To The Blues dem Einsteiger einen nahezu perfekten Überblick und dient als Einstiegsdroge, um sich näher mit dem Bluesmusiker zu beschäftigen, und die langjährigen Fans freuen sich über ein Wiederhören all ihrer Favoriten und über das liebevolle Booklet.

Homepage: www.johnnywinter.net
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Text: Fabian Broicher