Rein technisch gesehen wäre es beinahe unfair, bei Edgeland von einem Debütalbum zu sprechen. Sicherlich, es stellt Karl Hydes ersten Soloausflug abseits seiner Hauptband dar, trotzdem möchte man den Sänger und Komponisten eigentlich nicht als Newcomer bezeichnen. Immerhin mischt er bereits seit 1987 mit seinem Kollegen und Freund Rick Smith als Underworld die elektronische Musikszene auf und setzt neue Maßstäbe, verschiebt Grenzen. Trotzdem unterscheidet sich Edgeland in einigen Punkten ganz gravierend von Underworlds Musik und setzt weniger auf laute Danceproduktionen, sondern geht behutsamer und filigraner zu Werke.

Somit landen Hyde und sein Kollaborateur Leo Abrahams, der bereits Brian Eno auf dem fantastischen Small Craft On A Milk Sea unterstützte, in einer klanglich wesentlich kargeren Umgebung. Die Arrangements bestehen meist aus minimalistischen Soundflächen, die ihre hohe Detailliertheit erst nach mehrmaligem Hören entfalten, und die Hydes Stimme und seinen Texten genügend Raum zur Entfaltung geben. Sowieso machen die Texte den oftmals großen Charme der Platte aus. In teils überraschend surrealen Bildern erzählt Hyde von urbanen Gegebenheiten, berichtet aus düsteren Hinterhöfen, verlassenen Bahnstationen und von Autorücksitzen bei langen, nächtlichen Autofahrten mit Chauffeuren, die zombieartig nie zu schlafen scheinen. Was sich bereits auf den letzten Underworld-Alben als Andeutung befand (wenn man Barking aufmerksam zuhörte), klingt hier vollends ausgereift und treffend auf den Punkt gebracht. Wer seinen Songs poetisch tiefgründige Titel wie The Night Slips Us Smiling Underneath It’s Dress gibt, der muss einen tieferen Drang zum Schreiben verspüren (und nicht zum Malen, aber dazu später mehr).

Dabei orientieren sich Hyde und Abrahams nicht selten an den ganz großen Künstlern. Mitunter keine schlechte Inspirationsquelle, weist das Highlight Cut Clouds mehr als nur flüchtige Parallelen zu den genialen späten Talk Talk-Werken auf. Hin und wieder, meist in den Art-Popsongs Angel Café und Your Perfume Was The Best Thing, klingen Japan durch, damals erster Schritt für David Sylvian ins Musikgeschäft. Sowohl erzählerischer, als auch musikalischer Höhepunkt findet sich jedoch im entrückten achteinhalbminütigen Shadow Boy wieder, das mitunter an das britische Duo No-Man, bestehend aus Tim Bowness und Steven Wilson, erinnert. Einzig Shoulda Been A Painter klingt wirklich von vorne bis hinten nach Hydes Hauptband und fährt stampfende Beats und poppige Melodie auf.

In letzterem singt Hyde übrigens darüber, dass ihm vorgeworfen wurde, immer wieder über dieselben Themen Texte zu schreiben, wie ein Maler, der seine Farbtöne in Nuancen ändert, was ihn wiederum auf den Gedanken brachte, er hätte ein Maler werden sollen. Nach dem Hören von Edgeland weiß man jedoch, dass dort sein Talent verschwendet gewesen wäre und ist dankbar für seine Entscheidung zugunsten einer musikalischen Karriere.

Homepage: www.karlhyde.com
Facebook: www.facebook.com/pages/Karl-Hyde/25726946357
Twitter: www.twitter.com/theboyhyde

Text: Fabian Broicher