Mit dem Titel Love, Lust and other Disasters sprechen Kingsize schon im Titel Wahrheiten unseres alltäglichen Lebens an und geben gleichermaßen Interpretationsspielraum. Dabei fällt einem unter Umständen ein: Alltäglichkeit – das ist etwas, was einem in der Musik ja eigentlich gar nicht so gerne begegnet, denn wer Alltägliches hören will, braucht nun nicht gerade zwingend neue CDs. Wie schön, dass die Musik von Kingsize nun gerade das Gegenteil von Alltäglichkeit darstellt, sondern auf zwar Bestehendes zurückgreift (kein Wunder, die Tonleiter ist ja schon vor längerer Zeit erfunden worden), dies aber in ihrer ganz eigenen Melange darbietet.

Hört man den Opener Boy, so denkt man schnell: Das klingt ja irgendwie very British. Zwar in einer modernen Spielweise, dennoch aber fühlt man sich gleichermaßen auch ein wenig an The Clash zu London Calling-Zeiten erinnert. Da verwundert es dann auch nicht weiter, wenn die Gruppe nach ihrer Exkursion durch die Plattenarchive neben The Clash mit Bands wie The Kinks und The Cure nebst Gruppen Kings of Leon und den Strokes zurückkamen. Nun – was soll einem diese Auflistung von Bands sagen? Sicherlich nicht, dass Kingsize hier kopieren würden. Es ist eher so der zeitliche Hintergrund, den mal Referenz für den Klang der vier Londoner heranziehen kann.

Somit ist man am Begriff des BritPop auch schon vorbeigerauscht. Ob dieser nun tot ist oder nicht, steht dabei nicht zur Debatte, aber Kingsize klingen zwar auf der einen Seite very British, auf der anderen Seite aber auch sehr eigen und behalten sich immer wieder eine gesunde Ungeschliffenheit über. Beispielsweise in Daze, wenn die Gitarren verzerrt und laut sind, während der Gesang wirklich rau ist und man sich Sorgen machen muss, ob die Stimme zum nächsten Song überhaupt wiederkommen wird. Tut sie – What Have We Become beweist es. Mit 60er-Anleihen, Solo-Gitarre, Rockpotential und Schwung im Tanzbein zeigen Kingsize hier ihr Facettenreichtum.

Was am Ende bleibt, ist eine recht explosive Mischung, die glücklicherweise beim Hörer zündet. Britische Rockmusik mit Referenz an alte Zeiten, die dennoch mit beiden Beinen im Jetzt steht. Love, Lust and other Disasters ist eine schöne CD geworden, die dem Hörer britischer Musik verschiedener musikalischer Generationen durchaus nahezulegen ist. Bleibt festzuhalten: Zu den „other Disasters“ zählt das Album glücklicherweise nicht!

MySpace: www.myspace.com/thiskingsize
Videoclip zu Daze: www.youtube.com/watch?v=cVt2IPthMJA

Text: Marius Meyer