Recitals to Renewal liegt nun schon ganz schön lange zurück, dennoch war diese Veröffentlichung im Jahre 2000 die letzte reguläre Albumveröffentlichung von Lady Morphia. Nach diversen Zusammenarbeiten (zum Beispiel mit Werkraum) und verschiedenen Samplerteilnahmen (beispielsweise Wir rufen Deine Wölfe!) ist mit Essence and Infinity nun auch wieder ein neues Album erhältlich. Kern der Gruppe bleiben die Brüder Nick und Chris Nedzynski, als weibliche Verstärkung ist außerdem Emily Woodall mit an Bord. Auf Essence and Infinity beschäftigt sich die Formation durchweg mit dem Werk Oswald Spenglers. Dies geschieht allerdings weder als Kritik noch als Hommage. Ziel war vielmehr, Elemente der Gedanken und Metaphorik Spenglers aufzunehmen und zu verarbeiten.

Es handelt sich also um ein Konzeptalbum. Bereits die Sprachsamples im Eröffnungstitel Im Schoß der Welt geben mit dem Begriffspaar Kultur und Zivilisation die Marschroute vor, derer sich dieses Album thematisch bedient. Trotz der Tatsache, dass hier auf zehn Stücken einem Konzept gefolgt wird, widmen sich die folgenden Ausführungen mehr der Musik. Zum einen ist die Beschäftigung mit der Person Oswald Spenglers eine Sache, zu der dieses Album den Einzelnen einladen soll, die hier nicht vorweggenommen werden soll, zum anderen steigt und fällt auch ein Konzeptalbum mit dem, was darauf enthalten ist, nämlich der Musik. Und diese ist auf Essence and Infinity so vielseitig wie Leben und Werk der behandelten Person. Sicherlich ist problemlos eine genretechnische Einordnung in den Neofolk-Bereich möglich. Dieser Bereich wird hier sehr facettenreich aufgezeigt, gelegentlich entschlüpfen Lady Morphia diesem starren Korsett auch gänzlich.

Ancestral Memories offenbart Lady Morphia in bester Neofolk-Tradition. Die Wandergitarre spielt ruhig ihre Akkorde, das Keyboard spielt eingängige Harmonien und der Gesang ist eingängig. Schönheit macht sich breit. Ähnlich auch Turn To Silver, das vor allem durch seine Trompete hervorsticht. Teilweise fühlt man sich erinnert an die jazzigen Ausflüge, die man bei Sol Invictus auf Thrones antreffen konnte. Aber hierin erschöpft sich das Album bei weitem nicht. Stücke wie Fallen Empires und Carmen Ad Occidentam sind weit entfernt vom Neofolk und begeben sich stilistisch eher in die Nähe der aktuelleren Ostara (ohne aber dabei wie diese zu klingen). Vor allem bei Carmen Ad Occidentam begeben sich die Gitarren nah an metallische Gefilde. Nach letzterem Titel kommt mit Widerstand ein Kontrast zurück zum Neofolk, hier in einer sehr hoffnungsvollen Spielart, die anschließend in Sturmjahre durch ein Stück abgelöst, das sich durch seinen Basslauf und die martialisch gespielten Trommeln in Richtung Military bewegt, bevor A Faustian Summer und Tides zum Abschluss noch einmal die Schönheit in den Vordergrund rücken. Flöte, Klavier, Violine und der eingängige Gesang Nick Nedzynskis bewirken eine intensive Wirkung.

Wie sich zeigt, wird Vielseitigkeit groß geschrieben. Bereits der Blick auf die Instrumentenliste zeigt dies: Gitarren, Bass, Tasteninstrumente, Klavier, Samples und Pauken sind nur ein Auszug des Spektrums dieses Albums. Insgesamt ist Essence and Infinity durchaus ein Neofolk-Album, aber es darauf zu reduzieren, wäre der falsche Weg. Wichtig ist: Es ist ein sehr eigenständiges und wirklich gut hörbares Album. Gelegentlich vermisst man den roten Faden etwas, wie eventuell auch die Beschreibung der verschiedenen Stile anhand einzelner Stücke zeigt. Dennoch ergibt das Album als Ganzes durchaus einen Sinn. Auf diese Weise ist das Album atmosphärisch und spannend und erschließt sich dem Hörer nach und nach. Definitiv ein Lichtblick im Großbereich Neofolk!

Homepage: www.gla.ac.uk/~dc4w/lmorphia/front.html
MySpace: www.myspace.com/ladymorphia

Text: Marius Meyer