Schon mit ihrem dritten, selbstbetitelten Album hat das Münsteraner Quintett Long Distance Calling 2011 gezeigt, was für eine starke Band es ist. Dieses Album hat ein recht starkes mediales Interesse erzeugt und war zudem mit Platz 36 in den Charts erfolgreich. Nun liegt ihr viertes Album The Flood Inside vor und – wie schon bei seinem Vorgänger – freue ich mich, das Album rezensieren zu dürfen. Die wichtigste Änderung seit dem letzten Album muss jedoch zuerst erwähnt werden, nämlich der Einstand des neuen Sängers Martin Fischer, der zuvor bei Fear My Thoughts und Pigeon Toe tätig gewesen ist. Zwar gab es vorher schon den ein oder anderen LDC-Track mit Gesang, aber ein fester Sänger ist gänzlich neu. Das ist aber nicht die einzige Veränderung, denn leider hat Reimut van Bonn, der Mann für die „Ambience“ (also Synthesizersounds etc.), die Band letztes Jahr verlassen. Ganz verschwunden sind diese Sounds aus der Musik hingegen nicht.

Dennoch hat sich die Musik gewandelt. Wo vorher alles auf eine fast klassische Weise in das Genre Postrock bzw. -metal gepasst hat und erst auf dem dritten Album wirklich progressive Töne zu hören waren, präsentiert die Band nun ein gitarrenlastiges Werk des Progressive Rock/Metal, der auf ihrem alten Sound aufbaut. Die acht Stücke des Albums dauern insgesamt fast eine Stunde und sind für LDC-Verhältnisse mit Längen von sechs bis acht Minuten eher kurz und kompakt ausgefallen, was der Musik trotzdem keinen Abbruch tut. Im Gegenteil schafft es die Band, sich noch zu steigern und ihre geballte Kraft so zu konzentrieren, dass selbst ruhige Passagen eine Grundspannung aufweisen, die das ganze Album über nie verloren geht.

Hinzu kommen die genial eingesetzten Gastauftritte von Szenegrößen wie Vincent Cavanagh, dem Sänger und Gitarristen der britischen Prog-Rocker Anathema, oder dem deutschen Bluesgitarristen Henrik Freischlader. Diese Auftritte lockern die Songs auf und erweitern das Spektrum der Band noch mehr – insbesondere der Freischladers –, ohne beliebig zu wirken. Auch ist die neue Rolle von Martin Fischer sehr gelungen, da er als Sänger absolut überzeugt und den Sound der Band wunderbar ergänzt. Ihre instrumentale Stärke hat die Band durch den Gesang glücklicherweise nicht verloren – vielmehr wirken die durchaus längeren Instrumentalpassagen gerade durch diesen Kontrast noch stimmiger als jemals zuvor. Generell klingt das Album sehr ausgereift, sowohl vom Songwriting, dem Spiel der Band wie auch von der glasklaren Produktion her.

So ähnlich schrieb ich es bereits 2011: die Band übertrifft sich selbst erneut. Zwar war das Vorgängeralbum schon eine traumhafte Offenbarung, aber was Long Distance Calling hier zelebriert, sucht seinesgleichen. Mit The Flood Inside drängen sie vollends in die erste Reihe der Postrock/-metal- und Progressive-Acts und klingen dabei so eigenständig, kraftvoll und doch kontrolliert, roh und raffiniert zugleich, dass man sich fragt, woher sie diese Kreativität nehmen. Die schier endlose Spielfreude hatten sie jedenfalls schon vorher und zeigen sie hier erneut – aber jetzt sind sie wirklich ganz oben angekommen.

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Text: Wolfgang Merx