Uneingeweihten den Mythos um das Neo-Prog-Schlachtschiff Marillion näherzubringen, gerade die Phase der Band nach dem Weggang von Fish und mit Steve Hogarth am Mikrofon, die musikalisch eher von melancholischem Art Pop bestimmt wird, stellt sich meist als gar nicht so einfach heraus. Bieten vor allem die mitreißenden Konzerte der Band für Neueinsteiger einen Anreiz, gibt es nun auch eine lohnenswerte Einstiegsdroge aus der Konserve. Die Kompilation The Singles ’89-95’ vereint, wie der Titel schon sagt, sämtliche Auskopplungen und B-Seiten der Hogarth-Phase auf vier randvollen CDs. Somit liefert sie einen tollen Überblick über die eingängigeren Songs und bietet Fans und Sammlern durch die Inklusion rarer B-Seiten einen Kaufanreiz.

War das erste Album mit neuem Sänger, Season’s End, noch etwas richtungs- und orientierungslos, beinhaltete es doch tolle Songs. Vor allem das ungewöhnlich aufgebaute Easter stach aus der breiten Masse hervor und stellt heute absolut zu Recht ein Klassiker im Bandrepertoire dar. Es folgte das eher gewöhnliche und dem Prog nahezu komplett abschwörende Holidays In Eden, das zumindest mit Cover My Eyes (Pain And Heaven) und einer beeindruckenden B-Seiten-Live-Version von Splintering Heart würdig vertreten ist (man sollte zumindest einmal miterlebt haben, wie bei ersterem live die Post abgeht), bevor die neue Bandbesetzung schließlich mit Brave und Afraid Of Sunlight ihren vorläufigen Zenit erreichte. Brave als riesiges Konzeptopus klang so entrückend bahnbrechend, wie kaum etwas zuvor oder danach; und das fragile, nicht minder beeindruckende Afraid Of Sunlight verband Pop mit Anspruch (wahrscheinlich mit etwas zu viel Anspruch, floppte das Werk doch, woraufhin die Band von EMI fallengelassen wurde). Von beiden Alben finden sich großartige Songs auf der Singlescollection wieder – das anrührend bombastische The Great Escape, das druckvolle Living With The Big Lie, oder die nette Pop-Perle Beautiful.

Nicht minder toll liest sich die Tracklist in Bezug auf die B-Seiten. Großteil der B-Seiten stammen von Liveaufnahmen und gerade auf den ersten beiden CDs kann man immer wieder lauschen, wie Hogarth die Stücke seines Vorgängers interpretiert. Selbst Kayleigh, bis heute einziger wirklich großer Hit der Band, ist mehrmals zu hören. Allerdings besitzen auch die exklusiven Songs, die die Band damals für ihre Singles aufhob, eine durchweg atemberaubende Qualität. Die akustische Gitarrenballade After Me erinnert zwar an Easter, besitzt aber einen anrührenden und pointierten Text und The Bell In The Sea punktet mit fantastischem Bassspiel von Pete Trewavas. Auch das energische The Release überzeugt und befindet sich bis heute im Liverepertoire der Gruppe. Neben Jams und unfertigen Stücken wie Icon gibt es außerdem noch augenzwinkernde Coverversionen zu hören – namentlich Sympathy, ursprünglich von der 60ies-Kapelle Rare Bird, und Substitute von The Who in einer sagenhaften Liveversion.

Also für Fans und alle, die es werden wollen, eine lohnende Zusammenstellung, nicht nur wegen ihres günstigen Preises, sondern auch wegen der herausragenden Qualität der Musik. Hier lässt sich wieder einmal feststellen, dass Marillion so viel mehr Beachtung gebührt, als sie bekamen und bis heute bekommen.

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Text: Fabian Broicher