Im Sommer des letzten Jahres, am 11. Juli 2014 verstarb in Queens, New York mit Tamás Erdélyi das letzte lebende Gründungsmitglied der vielleicht legendärsten Punkrockband der Welt: Der 65jährige Bluegrassproduzent gehörte als Schlagzeuger der Ramones unter dem Künstlernamen Tommy Ramone zu den Pionieren des Genres. Und mehr als das: Seiner Idee straight und simpel komponierter und kraftvoll und dynamisch gegebener Rockmusik verdankte sich die Gründung der Punk-Urväter. „Als ich die New York Dolls sah, dachte ich, ‚wow das ist interessant. Hier ist eine Band, die nicht besonders gut spielen kann, aber sie sind das aufregendste und unterhaltsamste, was es gerade gibt.’“, erinnerte sich Tommy Ramone 2008 im Gespräch mit Monte Melnick, dem ehemaligen Tourmanager und Frei-Haus-Therapeuten der Band für dessen Bandmemoiren. Derart inspiriert gründete Tamás Erdélyi 1974 die Ramones, deren Produzent er auch wurde.

Bereits 1978 stieg Tommy als Schlagzeuger aus. Das beständige Touren mit den exzentrischen Charakteren in der Band wurde ihm zu viel, sodass er sich fortan auf die Arbeit hinter den Kulissen konzentrierte. Als Nachfolger an den Drums suchte Tommy, der im Guten von der Band schied, höchstselbst mit Marc Bell einen damals 22jährigen Musiker aus. Jener junge Trommler, fortan unter dem Namen Marky Ramone aktiv, galt trotz seiner jungen Jahre als etablierter Protagonist der innovationsfreudigen New Yorker Musikszene. Als Teenager hatte er mit der Proto-Metal-Band Dust zwei in der Szene viel beachtete Alben aufgenommen. Anschließend gelang es Bell mit The Voidoids, der Band des Punk-Avantgardisten Richard Hell, weitere Akzente zu setzen. Die Einladung zum Probespielen bei den Ramones konnte der chronisch abgebrannte Bell nicht ablehnen. Galt die Band als Geheimtipp in der so lebendigen wie vielfältigen Indie-Szene jener Jahre – und Marc Bell war selbst Fan. Im Mittelpunkt der Autobiographie „Punk Rock Blitzkrieg – Mein Leben mit den Ramones“ stehen die Jahre auf Tour mit der kommerziell ambitionierten, aber aus Exzentrikern allererster Güte bestehenden, Band.

Doch nicht zu kurz kommen in der Rückschau die frühen Jugendjahre des Musikers, deren Beschreibung nicht nur biographisch aufschlussreich sind, sondern auch Einblicke in ein faszinierendes Biotop liefern: Die Subkultur in den 70ern war so vielfältig, wie die musikalischen Umbrüche, die kulturellen Codes einer Indie-Szene, die damals noch nicht so hieß, und die Drogen, die der Jugend neue Horizonte und auch Abgründe eröffneten. Um im NY jener Jahre zum Außenseiter zu werden, war nicht Vieles nötig: Die vorgeblich falsche Frisur, politische Gesinnung oder ein nonkonformer Dress-Code und der Zorn der erzkonservativen Mehrheit war gerufen. In diesem Klima gedieh jedoch in den Nischen der Großstädte eine Gegenkultur, die mit den späten 80ern endgültig die Paradigmen der Popkultur bestimmen sollte. Mittelpunkt der Szene im Big Apple war der Musikclub CBGB, wo sich traf, was zwar keinen Rang, aber doch einen Namen in der neuen Musik hatte. Hier nahm die Reise der Ramones ihren Anfang, hierhin kehrten die Mitglieder der Band und ihre Begleiter immer wieder zurück. Als Rookies, die die Welt aus den Angeln heben wollten, als kleine Stars der Punk-Szene, als von Alkohol und Drogen gezeichnete Szene-Größen, als geachtete Elder-Statesmen des Punk.

Marky Ramone hat den weitaus größten Teil der Geschichte dieser legendären Formation erlebt. Und so hat er in Zusammenarbeit mit Musikjournalist Rich Herschlag allerhand Interessantes, Lustiges und Groteskes aus dem Alltag einer Band zu erzählen, die nach außen eine CI präsentierte, die bis in die Namen der Mitglieder kohärent war, und im Innern aus einander ablehnend bis feindlich gesinnten Charakteren bestand, die jeder ihr eigenes Ding machten. Und dabei auf engstem Raum zusammen arbeiteten. Jeffrey Hyman, als Joey Ramone Sänger der Band, ein von schweren Zwangsneurosen gezeichneter Narkotikakonsument mit notorischen Hygieneproblemen; John Cummings, als Johnny Ramone Gitarrist und heimlicher Bandleader, ein erzkonservativer Sport- und Disziplinfanatiker mit Hang zu cholerischem Dominanzverhalten; Douglas Glen Colvin als Bassist, Songwriter und kreativer Kopf der Band, ein manisch-depressiver Drogenabhängiger, besessen von der Idee als Dee Dee King Karriere als Rapper zu machen. Im Kosmos dieser Band, dessen klaustrophobischen Käfig der kleine Tourbus und die unzähligen zwingenden Rituale und Tabus zwischen ihren Mitgliedern bildeten, ereigneten sich Geschichten persönlichen Verrats, wurden Mauern des Schweigens hochgezogen und fast zwangsläufig massenweise Schoten produziert, die zu den kuriosen Wegmarken der Punk-Historie gehören. So erzählt Marky Ramone von den nervenaufreibenden Studioarbeiten mit dem verurteilten Totschläger und ehemaligem Star-Produzenten Phil Spector – Motto: „Wenn du aufhörst dich umzudrehen, fangen sie an dich zu belauern!“ -, von den Dreharbeiten zum legendären Film „Rock’n’Roll Highschool“, in dessen Drehpausen Fans Dee Dee Ramone über einen echten Schulhofzaun hinweg mit bunten Pillen füttern, die dieser ungefragt in sich hineinmampft, bis er umfällt oder vom Hass zwischen Joey und John, der selbst vor dem Tod nicht Halt machte. Und beinahe nebenbei von der Entwicklung einer Band, die lernen musste, ihren Erfolg in den begeisterten Epigonen, in den Spuren der Musikgeschichte zu sehen, die sie hinterließ.

Der Werdegang einer Band-Legende liest sich bei Marky Ramone als Schicksalsweg seiner Protagonisten. Der nach seinem mehrjährigen Bandausstieg mit Entzug in den 1980er Jahren trockene Marc Bell gibt einen intimen, lesenswerten Einblick in die Entwicklung des Punk am Beispiel seines Lebens, ohne, vor allem aber mit den Ramones. Das wilde Leben der Jugendjahre des Autors und seiner Mitstreiter, die Marotten wie das Leben mit dem Exzess, bleibt in der Erzählung merkwürdig unreflektiert, doch wie heißt es gleich: Wer sich erinnern kann, hat es nicht erlebt! Der Preis dieser Autobiographie ist mit 22,90€ am äußersten Rand des Zumutbaren kalkuliert und das Buch nicht sehr ansprechend gesetzt. Unterm Strich dürfte diese Autobiographie für Freunde des Punk-Rock und der Ramones unterhaltsam, informativ und ein schönes Weihnachtsgeschenk sein. Insgesamt also ein moderat-freundliches „Gabba Gabba Hey!“

Annotationen:
Marky Ramone (mit Rich Herschlag): Punk Rock Blitzkrieg – Mein Leben mit den Ramones. Iron Pages, Berlin 2015. 22,90€ ISBN 978-3-940822-06-2

Homepage Marky Ramone
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Text: Mirco Drewes