Es sind mit Sicherheit aufregende Zeiten für Michael Rutherford, seines Zeichens Gitarrist und Komponist, am besten bekannt durch seine Arbeit mit der Band Genesis. So erscheint in diesen Tagen seine Autobiografie, passend betitelt mit The Living Years. In dem Buch reflektiert er nicht nur über seine Tätigkeit als Musiker und Songwriter, sondern berichtet vor allem einfühlsam und trotzdem unterhaltend von dem schwierigen Verhältnis, das ihn mit seinem Vater, einem Offizier der Navy, verband. Wie Rutherford all diese Erfahrungen musikalisch verarbeitete, kann man auf zwei erstklassigen Zusammenstellungen hören, die passend zur Buchveröffentlichung erschienen sind.

Vor diesem Hintergrund ist vor allem die Deluxe Edition von Living Years, dem zweiten und musikalisch mit Sicherheit konsistentesten Albums von Mike + The Mechanics, dem Soloprojekt von Rutherford, interessant. So erfährt man im Essay des beiliegenden Booklets, dass die Arbeiten an dem Werk kurz nach dem Tod von Rutherfords altem Herrn begannen. Somit besitzen die Songs eine spürbar persönliche Note, die sich vor allem im Titeltrack herauskristallisiert. Zwar zeichnete sich Rutherford nicht für das Verfassen der Texte verantwortlich, jedoch nehmen die Lyrics von B.A. Robertson recht explizit die Themen Tod und Generationenfrage unter die Lupe – wohl nicht zuletzt deswegen, weil er damals ebenfalls gerade seinen Vater verloren hatte. Zusammen mit einer der eindringlichsten Gesangsleistungen von Paul Carrack, ergibt dies einen der schönsten Momente der Popmusik der Achtziger. Vollkommen zu Recht wurde The Living Years damals eine erfolgreiche Single.

Doch auch der Rest des Albums macht Spaß. Mit einigen elektronischen Spielereien wurde der Opener Nobody’s Perfect ausgestattet, der sich rhythmisch zunächst ungreifbar gibt. Auf den rockigen Titeln wie Seeing Is Believing oder Blame kann dann wiederum Paul Young glänzen. Sowieso ist es bezeichnend, dass das Konzept hinter Mike + The Mechanics so hervorragend funktionierte, schließlich gab es keinen Frontmann im klassischen Sinne. Vielmehr wechselten sich Carrack und Young beim Gesang ab und erzeugten dadurch eine Varietät, die manch anderer Band damals wohl fehlte. Trotz dieser bemerkenswerten Eigenschaft klingt das Album immer noch ganz nach der Zeit, in der es entstand, manches alterte besser, anderes schlechter. So sind die Queen-Einflüsse auf manchen Songs kaum zu überhören und befremden eher, als dass sie unterhalten.

Erwähnenswert ist auch, dass Rutherford, zumindest in digitaler Form, seine Bandkollegen von Genesis rekrutierte. Black And Blue geht auf ein Gitarrenriff zurück, das während der Aufnahmen zum Invisible Touch-Album von Phil Collins am Schlagzeug begleitet und von Tony Banks schlussendlich aufgenommen wurde. Dass Rutherford schließlich im Beisein seiner Mechaniker auch einmal an der elektrischen Gitarre glänzen kann, lässt sich auf dem abschließenden Why Me? nachhören. Der pathetische Antikriegssong beinhaltet gar ein paar progressive Akkordwendungen, bevor er in einem traumhaften Gitarrensolo mündet – etwas, was man auf den späteren Genesisalben leider viel zu selten zu hören bekam.

Die zweite CD der Deluxe Edition bietet, neben einer aktuellen Neuaufnahme des Titeltracks mit Andrew Roachford, einem der zwei aktuellen Mike + The Mechanics-Sänger, am Mikrofon, eine Handvoll Liveaufnahmen der Living Years-Tour. Obwohl die Stücke in nicht ganz optimaler Soundqualität vorliegen, merkt man trotzdem mühelos, wie gut die Band damals aufeinander eingespielt war. Dafür sorgt vor allem das präzise Schlagzeug von Peter Van Hooke, das hier auf der ganzen Linie überzeugt.

Neben dieser noblen Wiederveröffentlichung gibt es zudem noch eine neue Best of-Zusammenstellung. Unter dem simplen Titel Singles 1985-2014 versammelt sie sämtliche Hits von den Mechanics. Dass es an denen kaum mangelt, verrät bereits ein Blick auf die Titelliste. An Songs wie Silent Running, All I Need Is A Miracle, Over My Shoulder oder A Beggar On A Beach Of Gold kommt man als Radiohörer eigentlich kaum vorbei. Und eigentlich gehören sie auch als perfekt produzierte Popnummern in jede gute Musiksammlung. Obendrein bekommt man noch einen guten Überblick über die spätere Phase der Band, nachdem Paul Carrack und Paul Young ausgestiegen waren, um Platz für Tim Howar und den schon erwähnten Andrew Roachford zu machen. Als kleines Schmankerl für Fans gibt es obendrein einen brandneuen Song ebenfalls zu hören. When My Feet Don’t Touch The Ground ist ein eingängiges Liebeslied mit toller Gesangsleistung und schließt somit nahtlos an das ältere Material an.

Auch die Kollektion der Singles gibt es als ausführliche Doppel-CD-Version, die zusätzlich noch Raritäten, bemerkenswerte B-Seiten sowie unveröffentlichte und Live-Aufnahmen enthält. Die Fundgrube lädt also zum Wühlen ein, obwohl so manche Recherchearbeit leider vom Hörer selbst übernommen werden muss, da sich das Booklet über die Herkunft der einzelnen Songs leider ausschweigt. Doch eigentlich ist es ja auch egal, wo etwas herkommt, wenn man nur so Sachen wie die fantastische Akustikversion des Stückes My Crime Of Passion findet.

Wer sich also jetzt, vielleicht nicht zuletzt angeregt durch die Buchveröffentlichung, mit Mike + The Mechanics beschäftigen mag, findet in den beiden Veröffentlichungen den perfekten Einstieg. Wie erwähnt, versammelt vor allem Singles 1985-2014 all das wirklich essenzielle Material, das man als Musikinteressierter besitzen sollte, während die Deluxe Edition von Living Years vor allem durch die Liveaufnahmen aufgewertet wird.

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Rezension: Mike and the Mechanics – Live at Shepherds Bush

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Text: Fabian Broicher