Dass Miles Davis, dessen Legendenstatus eigentlich keine weiteren Worte mehr benötigt, sehr umtriebig mit seinen damaligen Besetzungen umging, ist, rückblickend betrachtet, mehr als bekannt. Schon allein die Diskrepanz zwischen den Musikeranzahlen auf Bitches Brew und dem Nachfolger A Tribute To Jack Johnson, beweist, wie rigoros Davis den Klang einer Gruppe auszunutzen verstand. Erstklassig nachvollziehbar wird dies auf Live In Europe 1969: The Bootleg Series Vol.2, das auf drei CDs und einer DVD insgesamt vier Konzerte dokumentiert, die der Trendsetter-Trompeter in jeweiligen Umbruchphasen mit seiner Band gab.

Die Krux dieser mit Wayne Shorter, Dave Holland, Jack DeJohnette und Chick Corea hervorragend besetzten Band, scheint eines der größten Sakrilege der Jazzgeschichte zu sein. Zu Recht als „lost quintet“ betitelt, ging Davis mit dieser Besetzung nie ins Studio und ließ sie nie professionell auf Tonband bannen. Dafür entschädigen jedoch diese Liveaufnahmen mehr als genug, dank denen die exzellent aufspielende Kapelle nun doch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Vor allem das Videomaterial, aufgenommen bei den Berliner Jazztagen im November, ragt heraus. Die Qualität ist, trotz eines NTSC-Videosignals, mehr als befriedigend. Zusehen zu können, wie die Musiker aufeinander eingehen und sich die Bälle zuspielen, in einer Musik, in der das gegenseitige Zuhören noch zu einer Pflichtübung gehörte, grenzt stellenweise (die dargebotene Bitches Brew-Version wirkt in kleiner Besetzung viel ausgewogener, dynamischer und, für meine Ohren, besser!) an eine Erleuchtung und kommt wohl der Erfahrung, wirklich vor Ort gewesen zu sein, am nächsten.

Die ersten beiden Scheiben präsentieren zwei bisher unveröffentlichte Sets aus Frankreich im Juli. Wieder eine schwierige Phase für das Publikum des Trompeters, die Avantgarde-Platte In A Silent Way war noch nicht auf dem Markt und somit musste Davis behutsam bei der Materialauswahl vorgehen. Entschieden hat er sich schlussendlich für eine suitenartige Darbietung, in der er, laut beiliegenden Linernotes und DeJohnettes Aussage, seine Musiker ohne vorherige Absprache von Komposition zu Komposition geleitete, den hektischen Freiformjazz von Directions, immer brillant getrommelt von Jack DeJohnette, und Miles Runs The Voodoo Down, mit irrsinnigen Bassläufen von Dave Holland, neben Klassiker wie Footprints oder Milestones stellte, und damit eine wahrhaft beeindruckende Wirkung erzielte. Zu Shorters wilden Läufen gesellt sich Davis’ suchender, teils klagender, teils hilflos wirkender Klang, die gerade die Standards in komplett neuartige Stücke verwandeln. Soundfetischisten dürften sich leider etwas daran stören, dass Davis’ Horn bei den Frankreichkonzerten übersteuert aufgenommen wurde – der Rest des Sets klingt jedoch fantastisch, eben wie erstklassig restaurierte Liveaufnahmen, und keineswegs wie ein billiges Bootleg.

Auf CD 3 lauschen wir zunächst einem technischen Defekt von Coreas E-Piano, das während des Stockholm-Gigs zu knistern und rauschen begann. Frustriert wechselte der Pianist zum akustischen Piano und öffnete der Musik komplett neue Pforten. Gleichzeitig Rhythmusgruppe und Harmonieinstrument (mal ersetzt er DeJohnette/Holland komplett, mal besitzen die Akkordcluster kaum einen Zusammenhang zum Rest), schien er an diesem Abend wirklich überdurchschnittlich gut in Form zu sein. Ebenfalls bemerkenswert – wohl aufgrund des Keyboard-Ausfalls stellte das Quartett sein Programm beinahe komplett um und griff auf ungewöhnlichere Nummern wie Nefertiti oder Paraphernalia zurück. Als Bonus gibt es noch das tolle This, eine Chick Corea-Komposition, vom Folgetag.

Das ganze Set dokumentiert fabelhaft, welch erstaunlichen Musiker sich zu jener Zeit unter Miles Davis’ Flagge versammelten. Vor allem CD 3 und 4, die beiden November-Konzerte, scheinen mit zum Besten zu gehören, was Davis damals live präsentierte. Umso schöner, dass nun auch endlich das „Lost Quintet“-Kapitel in der Karriere des Trompeters etwas mehr Beachtung bekommt; Beachtung, die es durchaus verdient, hätte es bei anderem geschichtlichen Verlauf mit Sicherheit eine der größten Jazzfusionbands dieser Zeit werden können.

Homepage: www.milesdavis.com
Facebook: www.facebook.com/MilesDavis
Twitter: www.twitter.com/milesdavis

Text: Fabian Broicher