Mary Bellows (Ulrike Stürzbecher) berichtet ihrem Therapeuten Dr. Frank Morgan (Eckart Dux) von traumatischen Erlebnissen aus ihrer Kindheit – einem übergriffigen Lehrer, Fluchtplänen mit ihrem Freund, einem mysteriösen »Dunkelhaus« und dem unheimlichen »Nachtling« (Patrick Holtheuer), der sie immer wieder heimsucht. Dabei tauchen jedoch Ungereimtheiten auf, die Dr. Morgan stutzen lassen. Ist Mary Bellows nicht die, die sie zu sein scheint? Oder vielmehr: Ist sie die, die sie zu sein vorgibt, ohne es zu wissen – und schwebt sie vielleicht genau deshalb in höchster Gefahr? Schlimmes ahnend, flieht Morgan zunächst mit Mary aus der Klinik – nur, um letztlich doch genau dort zu landen, wo all ihre Alpträume kulminieren.

Zugegeben: Immer wenn ich eine Folge MindNapping höre, fällt mir dieser Satz ein, den die Romanfigur Dorian Gray in dem Film Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen sagt. In einer Szene wird Gray von Kugeln durchsiebt und bleibt doch gänzlich unverletzt. Der Schütze fragt ihn daraufhin entgeistert: »Was sind Sie?« Und Grays lakonische Antwort lautet: »Ich bin kompliziert.«

Nun ist der Film im Unterschied zu MindNapping ansonsten ziemliche Grütze, aber zumindest taugt diese eine Szene dazu, die Hörspielreihe im Allgemeinen und ihre Jubiläumsfolge im Besonderen in einem Wort zusammenzufassen. Denn zur Feier der runden Folgenzahl hat sich Regisseur Patrick Holtheuer mit dem Hamburger Drehbuchautor Hendrik Buchna zusammengetan, ein Crossover mit dessen Serie Darkside Park geschaffen und sich selbst einen kleinen Gastauftritt als »Nachtling« gegönnt.

Das Ergebnis lässt sich dabei zwar auch ohne Kenntnisse von Buchnas Serie hören, aber ich vermute, so richtig feiern kann man diese Folge tatsächlich erst, wenn man auch die Hintergründe von Darkside Park kennt. So oder so ist die Folge – siehe oben – im höchsten Maße kompliziert und beklemmend. Mehrmaliges Hören zwecks Erfassung aller Details sei empfohlen. Die Episode beginnt mit einem langen Therapiegespräch zwischen Dr. Frank Morgan und Mary Bellows, in dem die vermeintliche oder tatsächliche Patientin ihre Erinnerungen und Gefühle im Grunde genommen jeweils viel zu treffsicher ausdrücken und auf den Punkt bringen kann, während ihr Psychologe seine Analysen und Schlussfolgerungen ebenso schnell und präzise trifft. Weil Dux und Stürzbecher jedoch brillant spielen und zudem das heikle Thema Missbrauch im Raum steht, geht diese Szene ohne weiteres als gelungen durch.

Danach folgt insofern ein Kontrastprogramm, als die Geschichte nach der ausführlichen Einführung enorm an Fahrt aufnimmt – und das ist angesichts von Dr. Morgans und Marys Flucht mit dem Auto durchaus wörtlich zu nehmen. Warum die beiden fliehen, wohin und vor wem, bleibt dabei nebulös – und genau das ist es, was die Geschichte letztlich ungemein spannend und unterhaltsam macht. Ein Wust an verschwörerischen Codewörtern unter den offensichtlich Eingeweihten und unvermittelt auftauchende, in Rätseln sprechende Personen wie Deputy Garrett (Helmut Krauss) machen die nervenaufreibende Verwirrung komplett.

Hinzu kommt ein richtiggehender Soundtrack à la David Lynch, der die Atmosphäre des Irrsinns wunderbar abrundet. So ist MindNapping 10 einmal mehr wirklich anspruchsvolles Kopf-Kino in des Wortes bestem Sinne, auch wenn der Hörer diesmal vielleicht so verwirrt und ratlos zurück bleibt wie nie zuvor in dieser Serie.

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Text: Mario Nowak