Studentin Melanie (gesprochen von Anja Topf) bewirbt sich als Telefonhostess im Callcenter der abgebrühten Unternehmenschefin Viola (Gabi Libbach). Ein erstes Testgespräch mit einem Anrufer (Rüdiger Schulzki) verläuft vielversprechend und so darf Melanie schnell unter dem Pseudonym Kordula zu arbeiten anfangen. Doch was sich zunächst nach leicht verdientem Geld anhört, wird zum Albtraum, als ein gewisser Friedhelm (Michael von Rospatt) Melanie mit kranken Fantasien zu belästigen beginnt – und das nicht nur am Telefon. Ja, er kann auch anders: Idee und Buch zu Einsamer Anruf stammen von André Minninger, der vielen Hörspielfans von TKKG und Die drei Fragezeichen bekannt ist. In der 15. Folge der Mindnapping-Reihe nun präsentiert sich Minninger einmal von einer der Mehrheit der Hörer vielleicht eher unbekannten Seite und liefert einen schmucken kleinen Thriller ab.

Neben André Minninger zeigt in Einsamer Anruf auch noch ein zweiter bekannter Name aus der Hörspiel-Szene, dass er anders (und für meine Begriffe durchaus auch besser) kann: Jan-Friedrich Conrad steuert die Musik bei. Bei Mindnapping darf er melodiös-loungige, manchmal sogar leicht verjazzte Stücke einbringen und lässt damit buchstäblich aufhorchen.

Wie für Mindnapping üblich, funktioniert Einsamer Anruf auf gleich mehreren Ebenen. Da ist zum einen der entlarvende Blick auf beide Seiten der Arbeit von Telefonhostessen. Anja Topf und Philine Peters-Arnolds (als Telefonhostess Uschi mit dem Künstlernamen Babette) demonstrieren ausgesprochen anschaulich, wie billig und schal die sprichwörtlich auf Knopfdruck abgespulte Verbalerotik doch ist. Rüdiger Schulzki als verklemmter Ehebrecher am Telefon und Robert Missler als Anrufer, der einfach nur eine Frau zum Reden sucht, geben dabei die männlichen Pendants, die sich bereitwillig etwas vorgaukeln lassen, auch wenn es eigentlich noch so durchschaubar ist. Und sollten danach noch Zweifel daran bestehen, wie abgeschmackt das Ganze ist, so sorgt Gabi Libbach mit ihrem Auftritt dafür, dass auch dem Letzten klar wird: Bei Telefonerotik geht es nur um Kohle.

Die zweite Ebene ist die der Anrufe des Psychopathen Friedhelm, aus denen Michael von Rospatt eine brillante Schau macht. Friedhelm mag ein durch und durch unsympathischer Charakter sein – aber im Unterschied zu den anderen Anrufern der Hotline hat er wenigstens einen. Hinzu kommt, dass Friedhelm unterm Strich der einzig Ehrliche in der ganzen Geschichte ist.

Denn die dritte Ebene ist die des Betrugs. Einsamer Anruf ist nicht zuletzt eine Geschichte des Misstrauens, in der jeder jeden bescheißt. Die kühl berechnende Chefin Viola, bei der alles durchdacht ist und die auf alles eine Antwort hat, ist die Strippenzieherin einer gut organisierten Sex-Abzocke und muss doch jederzeit befürchten, von ihren Hostessen hintergangen zu werden. Die Hostessen ihrerseits lügen den Kunden die Taschen voll, die Kunden betrügen ihre Ehepartner (und belügen sich zugleich selbst). Obendrein erzählt Melanie ihrem Freund Niko (Martin Sabel) lapidar, dass ihr Hostessen-Verdienst nicht versteuert wird. Gewollt oder nicht, Mindnapping erweist sich einmal mehr als sehr zeitgeistig.

Einziges Manko an Einsamer Anruf sind die stellenweise arg gedrechselten Dialoge. So klar, so durchdacht und verschachtelt, wie Melanie und Viola bisweilen sprechen, würde sich im richtigen Leben allenfalls Roger Willemsen ausdrücken. Ansonsten aber handelt es sich wieder um eine intelligente, entlarvende Geschichte. Wer nämlich eine moralinsaure 08/15-Story erwartet, in der es letztlich darum geht, dass »unanständige« Frauen die »gerechte Strafe« für ihre mangelnde Tugendhaftigkeit erhalten, der wird sich getäuscht sehen. Die Auflösung ist – so viel sei verraten – auch in Folge 15 von Mindnapping wieder eine große Überraschung.

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Text: Mario Nowak