James Edward Monroe (gesprochen von Rüdiger Schulzki) ist ein knallharter Unternehmer – und als er unheilbar krank wird, entscheidet er sich, passend dazu mit einem Knall aus dem Leben zu scheiden. Er hinterlässt seinen beiden Söhnen Brandon (Patrick Bach) und Richard (Martin May) ein Tondokument seines Ablebens – aber nicht, ohne sie zuvor noch ein letztes mal seiner Geringschätzung versichert zu haben. Um ihre gemischten Gefühle nach dem Tod des Vaters zu verarbeiten, beschließen die beiden Brüder nach der Testamentseröffnung, an den Ort ihrer tristen Kindheit zurück zu kehren. Doch das hehre Vorhaben, in der Abgeschiedenheit der Wälder von Maine zur Ruhe zu kommen, scheitert. Erst scheinen dem sensiblen und psychisch angeschlagenen Brandon nur die Nerven durchzugehen. Aber dann wird die Bedrohung für alle sehr real.

Ein zynischer Vater, zwei ungleiche Brüder mit ebenso ungleichen Partnerinnen (Christine Pappert als besorgte Ehegattin Patricia Monroe und Sylvie Nogler als verwöhnt-leichtlebige und wenig belastbare Freundin Bonnie Paxton) und ein herzlich-harter Ranger (Wolf Frass als Linus Reed): Die Figuren in der zweiten Mindnapping-Folge sind oft moderne Archetypen, kippen aber dank guter Regie und guter schauspielerischer Leistung nie völlig ins Klischee ab. Mit nur wenigen Federstrichen gezeichnet, entstehen so in Windeseile Personen, die irgendwie vertraut sind, einen Typus verkörpern und die Hörer entsprechend schnell mitten hinein in die Geschichte transportieren können. Im Verlauf des Hörspiels bekommen diese Figuren dann jedoch immer mehr Tiefe.

In ihren Grundzügen ist die Geschichte der »9-mm-Erbschaft« schnell erzählt: Eine kleine Gruppe von Menschen begibt sich zur Vergangenheitsbewältigung ins Nirgendwo an der amerikanischen Ostküste, und nachdem sie einmal von aller Zivilisation und Hilfe abgeschnitten ist, setzen nach und nach unheimliche Ereignisse ein, die zunächst nur Hirngespinste eines Einzelnen zu sein scheinen. Dann aber müssen nach und nach auch alle anderen erkennen, dass es sich nicht um Einbildung handelt. Die Gefahr wird erst real und dann konkret, rückt schließlich immer näher und beginnt, die Gruppe einen nach dem anderen zu dezimieren.

Handwerklich ist das zunächst einmal gut gemacht. Die Vergeräuschung versetzt die Hörer geradewegs in die Abgeschiedenheit von Maine (oder in eine Anwaltskanzlei, eine alte Hütte oder ein verlassenes Sägewerk), das Spiel mit Nähe und Ferne, Laut und Leise, Gedämpft und Klar sorgt für gepflegten bis verschärften Grusel, den die Musik von Dirk Hardegen passend untermalt und verstärkt.

Doch die »9-mm-Erbschaft« hat mehr zu bieten als souveränes Handwerk. Sie hat eben nicht nur Grund- sondern auch Winkelzüge, und das reichlich. Die ganze Geschichte steckt bis zum Schluss voller Twists und Wendungen. Auf einem Fundament aus bewährten Thriller- und Horrorelementen wird über mehrere Ebenen eine ganz eigene, komplexe Handlung aufgebaut, die mehr ist, als die Summe ihrer Einzelteile. Autor Raimon Weber lässt komplette Landschaften und Gebäude entstehen, durch die der brillante Gordon Piedesack als Erzähler führt. Von wenigen Ausnahmen (wie der Tautologie des »weißen Nebels«) abgesehen, haben die Beschreibungen dabei eine literarische Qualität, die man in Hörspielen eher selten findet. Die Grammatik stimmt, Struktur und Länge stimmen, die Kollokationen stimmen – kurz: nichts stört den Erzählfluss und nichts hindert mithin am Eintauchen in die Geschichte.

Aus den gut gespielten Dialogen einerseits und den deskriptiven Passagen andererseits entsteht nicht nur eine beklemmende, fesselnde Atmosphäre sondern in vielen treffsicher gesetzten Details mit der Zeit auch ein Portrait vor allem von James Edgar Monroe, der zwar nicht in Erscheinung tritt, aber trotzdem irgendwie über allem schwebt.

Autor Raimon Weber fügt der Mindnapping-Reihe in »Die 9-mm-Erbschaft« auf diese Weise gekonnt Psychogramm-Elemente hinzu, lässt das Hörspiel dabei aber keinesfalls zur staubtrockenen Charakterstudie erstarren. Viele fiese Kleinigkeiten in der Vergeräuschung (wie zum Beispiel das im Hintergrund weiterlaufende Tonband des sterbenden James Edward Monroe zu Beginn), Sprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart und wie beiläufig eingestreute szenische Streiflichter (etwa die sich zum Rauchen hinter einem Baum versteckende Bonnie) verbinden sich zu einem sehr plastischen Hörvergnügen.

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Text: Mario Nowak