Nach dem Unfalltod seiner Freundin will Tim Felton (gesprochen von Christian Stark) der Hektik New Yorks entfliehen und nimmt deshalb den Posten als Vogelwächter auf Brooks Island vor der Küste von Maine an. Doch schon auf der Fahrt zu der einsamen Insel erzählt ihm der Einheimische Graham Penn (Udo Schenk) von den mysteriösen Umständen, unter denen Feltons Vorgänger Frank Laughton (Reent Reina) ums Leben gekommen ist. Das Tagebuch, das Laughton in der Hütte auf Brooks Island hinterlassen hat, gewährt Felton denn auch Einblick in die Psyche eines vereinsamten Menschen, der auf der Insel einen Schatz aus dem amerikanischen Bürgerkrieg vermutete und sich von bedrohlichen Schatten verfolgt wähnte. Doch ehe der Neuankömmling diesen Dingen überhaupt nachgehen kann, muss er die Schiffbrüchige Susan (Marion von Stengel) retten. Fortan überschlagen sich die Ereignisse…

Es ist schon erstaunlich, wie viele Wendungen sich in einem Hörspiel mit nur vier Personen (von denen eine obendrein nur als »Stimme aus dem Jenseits« in Erscheinung tritt) unterbringen lassen. Autor Simon X. Rost betätigt sich in »Flutnacht«, der vierten Folge der Mindnapping-Reihe, gewissermaßen als Hütchenspieler und wirbelt Geschichte und Figuren bis zum für die Serie wie üblich überraschenden Schluss munter durcheinander.

Den Sprechern bietet das wunderbare Möglichkeiten, nach Herzenslust zu spielen. Anrührend, triumphierend, unsicher, panisch, gierig oder paranoid – sie schaffen jeden noch so krassen Wandel, ohne zu überziehen und bleiben so stets glaubwürdig.»Flutnacht« ist tatsächlich nämlich nicht nur ein Krimi sondern oft auch Audio-Gefühlskino, in dem es letztlich um die (noch nicht erfolgte) Verarbeitung eines schweren Verlusts im Leben geht. Wohl nur selten dürfte beispielsweise der Tod eines Kanarienvogels in einem Hörspiel so intensiv gespielt worden sein wie von Christian Stark.

So bekommt die Geschichte wenigstens zwischenzeitlich sogar mal einen romantischen Touch, wenn sich der Talisman, den Felton einst von seiner Freundin geschenkt bekommen hat, als wirklicher Glücksbringer zu erweisen scheint. Aber, keine Angst, die Story wird nicht gefühlsduselig, es bleibt bei wohldosierten Streiflichtern. Die Szenen haben eine gute Länge (bzw. eben Kürze). Dadurch und durch Schauplatzwechsel hat »Flutnacht« ein stetiges, flottes Tempo. Auch, was das angeht, ist Mindnapping 4 ganz erstaunlich: An nur einem einzigen verlassenen Handlungsort ist eine Vielzahl von Kulissen untergebracht – Brooks Island ist der symbolträchtige Klassiker einer »Welt für sich«.

Hinzu kommt der Wechsel zwischen Erzählungen aus der Ich-Perspektive Feltons, flüssigen Dialogen, intensiven Monologen und fesselnden Passagen ganz ohne Worte, in denen einzig Geräusche die Geschichte erzählen. All das ergibt unterm Strich wieder eine Episode nach dem Mindnapping-Grundsatz, dass das einzig Konstante bitte schön der Wandel zu sein hat. Anderer Autor, andere Musik, andere Figuren, anderes Setting, andere Machart – frische Spannung!

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Text: Mario Nowak