Susan (gesprochen von Simona Pahl) hatte eine raue und heftige SM-Affäre, von der sie nacheinander Pater Harry Wells (Konrad Halver), Arzt Dr. Jonah Maverick (Klaus Dittmann) und Anwalt Desmond Mulligan (Sascha Rotermund) erzählt. Dabei spart sie nicht an Details, doch so unangenehm den drei Susans unverblümte Schilderungen auch sind, als langjährige Freunde fühlen sie sich zum Zuhören verpflichtet und lassen sich ins Vertrauen ziehen. Mit jedem weiteren Gespräch kommen so neue, pikante Einzelheiten ans Licht. Susan scheint süchtig zu sein nach dem Kick des Glückshormons Dopamin und sich so erpressbar gemacht zu haben. Denn nach dem Unfalltod ihrer Affäre diktiert plötzlich ein an den SM-Sessions beteiligter Fremder (Oliver Böttcher) die Spielregeln.

»Explicit Warning: Sex, Drugs & Violence« steht auf dem Cover von Dopamin, der sechsten Folge aus der Psychothriller-Reihe Mindnapping. Es sollte also jedem klar sein, dass es sich bei diesem Hörspiel (wie bei allen des Labels Audionarchie) nicht um Kinderkram handelt. Im Gegenteil: Autor Marco Göllner inszeniert hier einen Krimi in bester Roald-Dahl-Manier – doppelbödig, perfide und es in den entscheidenden Momenten stets bei Andeutungen belassend. Die größten Gemeinheiten bleiben stets unausgesprochen und so der Fantasie der Hörer überlassen.

Dopamin ist ein gekonntes Spiel mit dem Kontrast von Implizitem und Explizitem. Einerseits setzen Regisseur Patrick Holtheuer und sein Team nämlich einen wohltuend klaren Kontrapunkt zum salonfähig gewordenen, weichgespülten Mainstream-SM des Kalibers »Shades of Grey«, andererseits verweben sie darin sehr subtil und nachgerade diskret eine Kriminalgeschichte, bei der es im Gegensatz zu Susans Sex-Beichten weit weniger offen zugeht und an den Hörern ist, die losen Enden abschließend zu verknüpfen.

Die in vielen Krimis (und Krimihörspielen) übliche langatmige Aufklärung der Zusammenhänge zum Schluss fällt entsprechend weg. Ebenso kommt die Geschichte ganz ohne Erzähler aus. Dank geschickter Vergeräuschung ist schlicht keiner nötig, um die Hörer durch das Geschehen zu führen und Bilder vor ihrem geistigen Auge entstehen zu lassen. Die untermalende, unaufdringliche Musik von Marcel Schweder trägt zusätzlich zur großen atmosphärischen Dichte des Hörspiels bei, während Szene um Szene einzelne Mosaiksteinchen an ihren Platz fallen und so nach und nach ein Gesamtbild ergeben.

Dopamin ist definitiv kein Hörspiel zur beiläufigen Berieselung und auch nichts zum Entspannen und Abschalten vor dem Einschlafen. Als waschechter Psychothriller verlangt das Hörspiel vielmehr ständige Aufmerksamkeit und schickt die Hörer auf eine spannende Dauer-Achterbahnfahrt zwischen Voyeurismus und neugierigem Rätselraten, bis es dann zum großen Finale einen gehörigen Aha-Effekt gibt.

Der glänzend gesetzte Kontrast zwischen offener Schilderung von Sex und angedeutetem Verbrechen sorgt dabei im Idealfall dafür, dass der kleine Abenteuertrip ins Reich der Paraphilie gehörig nachwirkt, denn Marco Göllner zeigt mit Dopamin eindrucksvoll, wie leicht es doch ist, eine heimtückische Straftat im Windschatten reflexartiger Aufregung um tabuisierte Ausschweifungen (fast) verschwinden zu lassen. Das stimmt auch über das Ende des Hörspiels hinaus noch nachdenklich.

Mindnapping 6 bezieht einen ganz besonderen Reiz aus dem geschickten Kokettieren mit dem Tabubruch, der Punktlandung auf dem schmalen Grat zwischen Sex und Crime und dem feinen Spiel mit den Erwartungen der Hörer. Dabei ist Dopamin top besetzt und hervorragend gespielt. Mia Diekow (als Krankenschwester Jill), Peter Weis (als Greg Hatchinson) und Robert Missler (als Psychologe Dr. William Rickman) komplettieren die Riege der erstklassigen bekannten Sprecher.

Das Ergebnis ist bestes Kino für die Ohren, das einem 08/15-Fernsehabend allemal vorzuziehen ist.

Internet: www.audionarchie.de
Facebook: www.facebook.com/audionarchie

Text: Mario Nowak