Im sonst so beschaulichen Örtchen Easthope – so glauben manche Bewohner buchstäblich – ist der Teufel los. Deshalb laufen sie Amok – und je mehr Amokläufe es gibt, desto mehr glauben, dass der Teufel unter ihnen weilt, was sie wiederum zur Waffe greifen und durchdrehen lässt. Pete Glover (gesprochen von Gordon Piedesack) muss versuchen, sein Leben, das seiner Frau Sandy (Silvie Nogler) und das seines alkoholkranken Bruders Ian (Robert Missler) zu retten. Doch dazu muss er nicht nur irgendwie aus der Stadt heraus und an seinem plötzlich durchgeknallten Nachbarn Randolph Schuster (Wolf Frass) vorbei, sondern auch durch den just zur Unzeit einsetzenden unbarmherzigen Winter von North Dakota.

Das Geschwür könnte ohne weiteres die bislang krasseste Mindnapping-Folge sein, vielleicht auch die amerikanischste, denn die Folge hat alle Zutaten eines klassischen Westerns. Es gibt den Saloon samt Barkeeper (Sascha Rotermund), es gibt das ungleiche Brüderpaar, es gibt die Jungfrau in Nöten (Julia Fölster) und jede Menge böse Revolvermänner. Buchautor Raimon Weber lässt seinen Protagonisten Pete Glover in gewohnter Manier irgendwo zwischen Stephen King und Raymond Chandler über den Irrsinn in Easthope berichten. Lakonisch bis zuletzt beschreibt Glover den (im Falle des Gastauftritts von Regisseur Patrick Holtheuer sogar sprichwörtlich »nackten«) Wahnsinn, Personen, Vorgänge, Wetter und Szenerien.

Grundsätzlich ist die siebte Folge Mindnapping dabei ausgesprochen geradlinig. Es ist Wildwest im hohen republikanischen Norden der USA – dort, wo man sich (zumindest aus europäischer Sicht) spätestens seit George Bush jr., der Tea Party und diversen realen Amokläufen im Land der begrenzen Unmöglichkeiten so ziemlich alles an Konservativismus gepaart mit Frömmelei vorstellen kann.

»Das Geschwür« greift wunderbar die Klischees (?) amerikanischer Paranoia auf. Die Menschen misstrauen dem Staat (verkörpert von Douglas Welbat in der Rolle von Vizegouverneur Larsen) und den Medien (verkörpert durch Tammo Kaulbarsch als Radiomoderator Bob). Sie trauen der Kirche (verkörpert durch Konrad Halver in der Rolle von Pfarrer Neergard) und ansonsten nur sich selbst. Das Gesetz nehmen sie deshalb im Zweifelsfall gern mal selbst in die Hand. Dass ganz Easthope aus Waffennarren zu bestehen scheint, erweist sich angesichts der Gemengelage als denkbar ungünstig.

Es ist also alles angerichtet für den klassischen Shoot-out. Pete Glover kommt dabei die Rolle des treusorgenden Familienoberhaupts zu, das Frau und Bruder beschützt. Er ist der heimatverbundene, bodenständige Held wider Willen, dessen kleines beschauliches Glück plötzlich von einem Mob marodierender Verschwörungsanhänger zerstört wird. Aggressive Every-man-for-himself-Haltung trifft auf rechtschaffenes Pflichtgefühl eines Zufalls-Sheriffs. Das alles ist bis hinein in die für North Dakota so typischen skandinavischen Namen so originalgetreu, dass es eine Pracht ist.

Das muntere Gemetzel in Easthope wird dabei akustisch durchaus drastisch und magenreizend inszeniert. Die Geschichte vom Überlebenskampf der drei Glovers ist aber weit mehr als ein reiner Schocker. Vielmehr hat sie auch ihre skurrilen, bizarren und perfide gruseligen Seiten – kleine, wie beiläufig eingestreute schräge Details und Beschreibungen, die mal für eiskalte Schauer sorgen und mal dafür, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Mindnapping 7 bietet eine brillante Sprecherriege in einer grundsoliden, schnörkellosen Story voller Action, flott erzählt in lakonisch-düsterer Atmosphäre. Bissig-böse Details, rabenschwarzer Humor, subtiler Horror, authentisches USA-Flair und so mancher Seitenhieb auf das stockkonservative Amerika balancieren die Story wunderbar aus.

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Text: Mario Nowak