Schriftstellerin Chloe Watson (gesprochen von Kerstin Draeger) erlebt in des Wortes doppeltem Sinne einen Albtraum: Nachdem sie für ihren Erstlingsroman gefeiert worden ist, erlebt sie mit ihrem zweiten Buch eine Bauchlandung – niemand will es lesen. Das macht ihr ein standhafter Zuhörer auf einer Lesung (gesprochen von Klaus Dittmann) auch unmissverständlich klar. Verleger Coon (Gernot Endemann) bleibt Chloe gegenüber zwar demonstrativ gelassen, aber der mangelnde Erfolg belastet trotzdem nicht nur die Ehe der Autorin mit Aron (Oliver Böttcher), er manifestiert sich auch in immer wiederkehrenden Träumen von einem schwarzen Vogel. Als Chloe auf einem eigentlich zur Entspannung gedachten Spaziergang zufällig die Leiche einer jungen Frau entdeckt, fallen ihr Ungereimtheiten auf und sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Doch dadurch wir alles nur immer noch verworrener und unklarer.

Falls den geneigten Zuhörern in dieser Folge von Mindnapping gleich zu Beginn gewisse (vermeintliche) Unstimmigkeiten auffallen – sehr gut! Denn es handelt sich dabei nicht um Regiefehler oder Schwächen des Buchs von Franjo Franjkovic, sondern vielmehr um ein sehr sorgsam gesetztes Detail. Dabei fängt die Geschichte an sich eigentlich recht plakativ an: Nicht nur die von Schriftstellerin Chloe vorgelesene Geschichte ist gewollt platt, auch die schonungslose Kritik des einzigen verbliebenen Zuhörers, das ganze Setting und die Reaktion der Autorin sind sehr zugespitzt. Kammerspielartig gelangt man so auf dem kürzesten Weg hinein in die Story. Der Rahmen ist gesetzt, es kann los gehen.

Danach dauert es möglicherweise eine Weile, bis man die Raffinesse dieser Episode begreift. Was anfängt wie eine konventionelle, gleichwohl flotte Krimigeschichte, in der es zunächst einmal darum geht, stutzig zu werden, wenn die Protagonistin stutzig wird, entwickelt immer mehr hintergründige Qualitäten. Aus Mitfiebern mit Chloe wird Zweifel an Chloe wird Angst vor dem, was Chloe anrichten könnte.

Transportiert wird dieser Wandel durch einen ebenso einfachen wie schlauen Kniff. Chloe erzählt die Geschichte nämlich aus ihrer Sicht – und zwar so, als würde sie sie zu einem neuen Buch verarbeiten und aufschreiben. Das ist wunderbar, weil es auf denkbar einfache, aber zugleich immer plausible Art Möglichkeiten bietet, Szenen zu beschreiben und zusätzliche Einblicke in Chloes Gedanken und Gefühle zu gewähren.

Mindnapping 8 spannt wie üblich einen weiten Bogen. Der schwarze Vogel handelt von Erfolgsdruck, Beziehungsproblemen und Loyalität ebenso wie von moralischen Fragen und Besessenheit. Das anfangs so klare Bild von Chloe wird nach und nach immer verschwommener. Ist sie eine Verzweifelte, eine Verfolgte oder vielmehr ein rücksichtsloses Karriereluder? Und so wird auch ihre Art der Erzählung aus der Ich-Perspektive zunehmend als befremdlich, überspannt und ungesund empfunden. Als Hörer rückt man ab von Chloe, man wechselt die Fronten.

Wie die Geschichte ausgeht, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten – aber auch in dieser Folge ist das Ende wieder sehr überraschend gestaltet.

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Text: Mario Nowak