Drehbuchautor Claude Montana (gesprochen von Peter Weis) spricht gerade Szenen eines neuen Skripts auf sein Diktiergerät, als er zum wiederholten Male einen Drohanruf von »Tom« Tugquos (Gordon Piedesack) erhält. Außerdem steht ein geheimnisvoller, indianisch aussehender Beobachter vor Montanas Wohnung. Aber die Vorfreude des Drehbuchautors auf seine Verlobte Dr. Kate Manson (Anne Moll), die am Abend aus New York anreisen will, lässt ihn alle düsteren Gedanken vergessen. Der Schock für die nichtsahnende Manson folgt allerdings stehenden Fußes: Als sie eintrifft, ist Claude Montana tot – erhängt, wie in der Schlussszene seines in den letzten Zügen befindlichen aktuellen Drehbuchs. Manson glaubt von Anfang an nicht an einen Selbstmord.

Doch zum Trauern bleibt ihr kaum und zum Ermitteln gar keine Zeit, denn ihr Verlobter hat ein äußerst merkwürdiges Testament hinterlassen: Wird sein letztes Drehbuch nicht unter Mitwirkung von Manson, Montanas Sohn Tim (ebenfalls Gordon Piedesack) und Filmproduzent Dave Pullman (Douglas Welbat) verfilmt, fällt das gesamte Erbe an den Stamm der Blackfeet.

Okay, unkompliziert ist definitiv anders. »Montana oder eine seltsame Schleife« aus der Feder von Astrid Meirose und Volker Fruß bietet sich an für eine Werksanalyse an der Theaterhochschule. Die überaus komplexe Story setzt sich vordergründig zusammen aus dem Protokoll des nach Montanas Tod ermittelnden Officers Holland (Gernot Endemann), springt dabei aber so virtuos zwischen Gegenwart, Vergangenheit, verschiedenen Schauplätzen, verschiedenen Perspektiven und, ja, womöglich auch alternativen Realitäten, dass das Zuhören zu einer echten Herausforderung wird.

Die neunte Folge Mindnapping steckt zudem voller Symbolik: Ein Drehbuchautor, dessen Name deckungsgleich ist mit dem des verregneten US-Bundesstaats, in dem er lebt. Eine zweifarbige Endlosschleife. Luchs und Kojote. Ein böser Zwilling. Fiktion und Wirklichkeit, Schuld und Sühne, ein in Rätseln sprechender (und zwischen den Welten wandelnder) indianischer Performancekünstler (Konrad Halver), moderne Philosophie und indianische Mystik, dazu ein filmreifer Score von Dominik und Sebastian Pobot, der an David Lynch erinnert. »Montana oder eine seltsame Schleife« sorgt beim Hörer im selben Maße für Knoten im Hirn wie bei den Protagonisten im Hörspiel. Subtiler und perfider lässt sich Identifikation mit den Figuren kaum schaffen.

In der Geschichte verschmilzt das Früher mit dem Jetzt, der Film mit der Realität, das Alte mit dem Neuen. Psychologin Dr. Kate Manson hilft mit mancherlei Deutungen und macht doch alles nur noch komplizierter, denn mit jeder Frage, die durch die beantwortet wird, tut sich mindestens eine neue auf. So liegen letztlich im scheinbaren Kontrast tatsächlich lauter Parallelen, denn die aufgeklärte Vertreterin moderner westlicher Wissenschaft orakelt letztlich auch nicht weniger herum als etwa der sich in Rätseln ergehende Chief Kid Douglas.

Mindnapping 9 ist beinahe schwindelerregende Folge, auf die man sich sicherlich einlassen können muss, damit sie gefällt. Aber sie eignet sich wunderbar zum Philosophieren, Interpretieren und Rätselraten auf hohem Niveau: Wer ist eigentlich wer und wenn ja, wie viele? Was hat sich wann wie und wo zugetragen und wer steht eigentlich in welchem Verhältnis zu wem? Oder ist vielleicht am Ende doch alles viel unkomplizierter, als es den Anschein hat?

Die Antwort darauf wird sich wohl jeder Hörer selbst geben müssen.

Weitere Artikel
Rezension: Mindnapping 8 – Der schwarze Vogel
Rezension: Mindnapping 7 – Das Geschwür
Rezension: Mindnapping 5 – Witchboard
Rezension: Mindnapping 4 – Flutnacht
Rezension: Mindnapping 15 – Einsamer Anruf
Rezension: Mindnapping 3 – Der Trip
Rezension: Mindnapping 2 – Die 9-mm-Erbschaft
Rezension: Mindnapping 1 – Auf gute Nachbarschaft
Rezension: Mindnapping 6 – Dopamin

Internet: www.audionarchie.de
Facebook: www.facebook.com/audionarchie

Text: Mario Nowak