Dass der Autor dieser Zeilen als großer Freund des originären, in den frühen achtziger Jahren entstandenen Postpunk englischer Prägung daherkommt (Joy Division, Magazine, Bauhaus) und zugleich eine geradezu grobschlächtige Geringschätzung für Rap-Auswüchse jeglicher Art in sich trägt, mag noch als subjektive Geschmacksprägung auslegbar sein. Eine Geschmacksprägung, die sich allerdings wohl auch aus einer etwas objektiveren Sicht durchaus nachvollziehen lässt. Im Sinne des Postpunk zerklüftete Selbstkasteiungen, eingehüllt in nicht selten experimentell und unzugänglich gehaltene Rockgebilde vertragen sich schließlich nur sehr bedingt mit der rhythmisch dahergeslackert kommenden prototypisch-urbanen Testosteron-Großhodigkeit des Rap. Ja, der Rapper, er schlägt wütend nach außen, der Postpunker jedoch deformiert bevorzugt sich selbst, dekonstruiert sein Ego und steht zu der Wackeligkeit seiner Beine.

Dementsprechend scheint es weniger eine Frage der Zeit als vielmehr eine Frage der Überfälligkeit gewesen zu sein, bis endlich eine kleine Bewegung mit einem neuen poptheoretischen Ansatz des Weges kommt. Einem Ansatz, der beide Seiten – Postpunk wie auch Rap – ein wenig ihrer selbstverliebten Attitüde beraubt und sich daran wagt die großartigen Anteile, die beide Stile ganz fraglos in sich vereinen, zu einer Symbiose zu führen. Dass der deutschsprachige Sprechgesang dabei schon lange nicht mehr so eindimensional daherkommt wie hier angedeutet dürfte dabei auch jedem eher im Massengeschmack badenden Hörer frühestens seit dem tonal eher soft gehaltenen „Rap“ der Fantastischen Vier und spätestens seit den akustisch nicht minder weich und angenehm daherkommenden, kaum noch ernsthaft als Rap zu klassifizierenden Mikrofonmonologen eines Peter Fox klar sein, sind beide Acts doch so vielschichtig, selbstkritisch, eigenironisch und nicht selten sogar plakativ auf der Verlier- und Versagerseite angelegt, dass ein Begriff wie „Testosteron“ selbst einem bekennenden Rap-Verabscheuer nicht mehr über die Lippen kommen mag. Und so hervorragend sich diese Heroen eines vermeintlich guten deutschen Sprechgesang auch gegenüber der permanenten Vollpfosterei eines Bushido oder Sido ausnehmen, um so wenig künstlerisch steht ihr Ansatz doch da im Vergleich zu dem, was die „Postrap“-Bewegung und ganz speziell ein Künstler wie Misanthrop zu bieten hat. Denn dessen Ansatz ist – und so schließt sich der Kreis – nichts anderes als ein leicht entfremdeter und dennoch mit voller Inbrunst gelebter Postpunk. „Postrap“, so ist es in einer Art von Mini-Manifest unter www.postrap.de nachzulesen, „ist ein Kollektiv für die Zeit nach der digitalen Revolution, nach der strikten Trennung von Musiker und Konsument und nach der Aufhebung von Genregrenzen. Unser Anspruch ist es, das kreative und soziale Potential von Künstler und Hörer miteinander zu vernetzen, um gemeinsam eine künstlerische Alternative, sowie eine neue Form der Gemeinschaft zu schaffen, die sich selber ihre Werte und Regeln gibt.
Musik muss frei sein von sich wiederholenden ästhetischen Mustern und Konsumentendenken, frei von einer uniformierten Gesellschaft, um unabhängig zu denken und zu fühlen, zu leben und zu träumen.“ Soviel anders klangen die Ideen, mit denen die frühen Postpunker den archaischen und zwangsläufig sehr kurzlebigen Original-Punk in die Zukunft und in die Adulterie führen wollten auch nicht.

Mit gleich zwei Veröffentlichungen beehrt uns dieses ambitionierte Musikerkollektiv nun dieser Tage und bedenkt man, dass beide Veröffentlichungen – Gefahren im Anzug, sowie Der Zukunftsmensch – Kollaborationen des Rappers Misanthrop mit seinen Labelmates Cocon bzw. Qwer sind, so lassen allein die hier benannten Titel und Namen bereits die Augen eines jeden existentialistisch angehauchten Musikfreundes glänzen. Ein Glänzen, welches – so viel kann versprochen werden – auch auf Albenlänge nicht enttäuscht werden wird, ist es doch ganz offensichtlich der Kampf des Individuums mit sich selbst und seinem Schicksal, welches hier permanent auf hohem, fast schon literarischen Niveau thematisiert wird. Die ohnmächtige Hineingeworfenheit in die eigene Existenz, die stumpf machende Unmöglichkeit eines richtigen Verhaltens und die darauf aufbauende Unfähigkeit ein tragfähiges Wertesystem aufzubauen – all das zieht sich wie ein illustrer roter Faden durch die Texte beider Alben, die in ihrer sprachlich-konsequenten Suche nach Orientierungspunkten nicht selten wie eine Rap-Variante der vielschichtigen Songtexte eines Dirk von Lowtzow (Tocotronic) daherkommen.

Dass Misanthrop, Cocon und Qwer dabei zu keinem Zeitpunkt dezidiert intellektuell daherkommen, wie dies im Falle eines Dirk von Lotzow durchaus gesagt werden kann, ist das große, vermutlich auch wahrhaft Rap-affine Verdienst der Protagonisten, weder Gefahren im Anzug noch Der Zukunftsmensch versuchen auch nur im Ansatz einen Platz im akademischen Hörsaal zu ergattern, sondern bleiben dort, wo wirklich guter Rap unterm Strich immer stattzufinden hat – auf der Straße.

Seien es nun Statements wie „Bewusstsein ist ein Fremdwort, vielleicht sind es auch zwei, ich fang fast jeden Satz mit ‚ich‘ an, ich bin zu blind für diese Welt“ (aus 3 Wochen) oder aber „Meine Welt bleibt unverkennbar, zwar zerlegbar, nur nicht zu erklären anhand der Bestandteile, aus Langeweile spann‘ ich diesen Hirnmuskel an und mach vergleichbare Einheiten zu eigenständigen Eigenschaften, (…) du archivierst, doch deine Welt bleibt ein Loch in der Wand“ (aus Meine Welt) – die sprachlichen Einfälle dieser „Bunch“ von Rappern treten in der Tat, in lustigem Gegensatz zum offen dagelelegten individuellen Selbstverständnis, kein Stück auf der Stelle sondern geraten zu einem Fest für jeden, der lesen, schreiben und eine Tageszeitung bedienen kann. Kein sinnentleertes Hülsengetrashe unterhalb der Gürtellinie, sondern sprachliche Oberklasse, die in ihren besten Momenten mittels Play- und Pausentaste nur darauf wartet, aufgeschrieben und in den eigenen Alltag integriert zu werden.

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Text: David Wonschewski