Es ist ja immer so ein Thema, wenn sich Menschen dran begeben, ihr Leben zu erzählen. Oft stellen sie Ihre negativen Eigenschaften hinten an oder übertreiben es, zugegebenermaßen, schamlos. Den gesunden Mittelweg gefunden hat die Gitarrenlegende und neben Roger Daltrey das Gesicht einer der besten Bands aller Zeiten, Pete Townshend von The Who. Schonungslos zu sich selbst und anderen erzählt sich Pete Townshend durch alle Stationen seines, man muss es so sagen, prall gefüllten Lebens, welches am 19.05.1945 in Chiswick, einem Stadtteil Londons begann und das mit allerlei Anekdoten glänzen kann. Auf über 550 Seiten erzählt uns der Gitarrist alles über sein Leben und überrascht mit lustigen Geschichten.

Nach einer schwierigen Kindheit und einem vermuteten Missbrauch, einer Angelegenheit, die Pete Townshend nie ganz verarbeiten konnte und die auch in der Rock-Oper Tommy unterschwellig thematisiert wird, gründete er schon zu Schulzeiten mit dem späteren The Who-Bassisten John Entwistle einige Dixieland-Kapellen (sic!), bevor sie sich den gelernten Schweißer Roger Daltrey als Sänger nahmen. Die Namenssuche allein sorgte schon für Gelächter und war eine in der Tat haarige Angelegenheit. Ähnlich ergeht es dem Leser beim Casting des Schlagzeugers Keith Moon, der ein Leben auf der Überholspur geführt hat und viel zu früh verstarb.

Überraschenderweise kann man in Who I Am nicht ein böses Wort über den Sänger der The Who, Roger Daltrey, lesen, das überrascht, denn die Schlägereien der beiden Köpfe und die ewigen Streitigkeiten sind dem The Who-Fan leider allgegenwärtig. Aber vielleicht ist das auch ein Beweis für die Altersmilde des Pete Townshend. Man erfährt, dass das legendäre Instrumentenzerstören auf einem Zufall begründet ist und durch die enorme Theatralik und das permanente Sich-selbst-in-den-Vordergrund-spielen-Wollen von Keith Moon zu einer Lawine wurde, über die auch heute noch jeder spricht.

Aber das Leben verlangte Pete Townshend auch eine Menge ab, zum Teil selbstverschuldet, wie seine lange Drogensucht verdeutlicht. Townshend war diesbezüglich jemand, der alles nahm, sei es Kokain, Heroin, LSD und dazu auch noch dem Alkohol sehr zugetan war und das eigentlich mit seinem Leben hätte bezahlen müssen und eine Menge Glück hatte.

Den The Who-Kenner interessieren natürlich die Schaffungsprozesse der The Who-Songs und auch hier ist die Entstehungsgeschichte zu einem der bekanntesten Townshend/The Who-Songs Pinball Wizard symptomatisch, denn ohne die Bekanntschaft mit Nik Cohn, einem bekannten Autor, der – wie es der Zufall will – mit einer Flipperkönigin befreundet war und diese Geschichte inspirierte Pete Townshend zur Kreation eines tauben, blinden und stummen Pinball Wizard, der eine Menge Jünger um sich schart. Natürlich wird auch auf Quadrophenia und die Mod-Bewegung eingegangen und unter anderem wird auch sein Projekt Lifehouse, was sich dem Musikfan bis zum heutigen Tag nicht so ganz erschlossen hat, thematisiert.

Diese und andere Geschichten zwischen Tragik und Komik machen dieses Buch des literarisch hoch gebildeten Townshend zum absoluten Lesevergnügen und zudem auch zu einem Last Minute-Tipp für Weihnachten.

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Text: Dennis Kresse