„Der Star ist die Mannschaft.“ Das wusste schon Berti Vogts. Und das weiß man auch, wenn man sich mal genauer mit Prag beschäftigt. Denn dass Prag eine Band ist, in der Nora Tschirner spielt, ist eine tolle Sache und bewirkt eine Menge Prominenz, aber Prag ist nicht nur Nora Tschirner. Da fehlen noch zwei weitere Drittel, die bereits zuvor diese Band ausmachten: Erik Lautenschläger (Erik & Me) und Tom Krimi (Stereo Total/Raz Ohara), die sich von einem „das können wir doch nicht machen“ dann doch überwunden, Nora Tschirner zu fragen, ob sie nicht zur Band gehören wolle – was sie gerne mit einem Ja beantwortete. Was dabei rauskam, gab es vereinzelt schon auf der Bühne zu sehen, nun gibt es nun auf dem Debüt Premiere zu hören.

Wie schon auf den Konzerten erlebt, beschwören Prag auch auf ihrem Album die Bohemé der 50er und 60er und präsentieren einen entrückten, aber doch seltsam gegenwärtigen Sound und ziehen Vergleiche von damals und heute. Wenn man beispielsweise Zeit hört, merkt man es. Über einem breitwandig-cineastisch anmutenden Klang, der beschwingt wirkt und Tempo hat, erzählt die Band davon, wie man heutzutage bereits bei der Bekanntgabe weniger Minuten Verspätung einer Bahn anfängt, vermeintlich wichtige Dinge zu tun und fragt: „Nutzt du die Zeit?“, um festzustellen: „Ich kann es nicht, ich weiß nicht wirklich, wie das geht.“

Dieses reflexive Moment zieht sich durch die Scheibe, ohne dass dabei so etwas wie eine positive Grundatmosphäre verlorenginge. Zum Beispiel in einer ironisch anmutenden Ballade wie Vogel, das danach fragt, warum man nicht den Vögeln beibringen könnte, den Morgen zu verschlafen, statt Menschen aufzuwecken. Wie gut die Stimmung sein kann, zeigt unter anderem Argumente tausendfach, das eine Mischung aus Straßenmusik und Chanson darstellt. Oder Sophie Marceau, das Dramatik in den Strophen und Harmonie mit Streichern im Chorus kombiniert und die Zeiten besingt, in denen „alle so verliebt in Sophie Marceau“ waren.

Um es dann doch noch einmal aufzugreifen: Was macht eigentlich Nora Tschirner? Ja, die macht dabei munter mit. Manchmal singt sie mit, ansonsten ist sie von Gitarre bis Hackbrett musikalisch aktiv und macht ihr Drittel an einem guten Album aus. Und wo man dann eben so ein prominentes Mitglied in einer Band hat, darf man sich große Hoffnungen machen, dass dieses Album die große Öffentlichkeit erfahren wird, die es verdient hat, auch wenn es eben nicht die Musik ist, die man für den breiten Massengeschmack halten würde. Wie gern würde man sich doch bei Prag in dieser Annahme täuschen!

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Homepage: www.prag-music.com
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Text: Marius Meyer