Wer bei Belgien an Fritten, Sezession und parlamentarische Agonie denkt, mag Anwärter auf den Preis in der Kategorie althergebrachte Klischees sein. Doch aus Belgien kommen auch einige hochinteressante Impulse für den Fußball und die Musik. Aus Gent, der Hauptstadt der Provinz Ostflandern, stammen Raketkanon. Das ist niederländisch für „Raketenkanone“. So weit, so direkt. Schnörkellos gibt sich der junge Vierer aus Jef Verbeeck, Pieter de Wilde, Lode Vlaeminck und Pieter-Paul Devos auch in Sachen Namensgebung für ihre Alben: Das Debüt hörte auf den Namen RKTKN #1. Eben erschienen ist der Nachfolger: RKTKN #2. Wie es das Drumherum vermuten lässt sind Raketkanon spröde, schnörkellos und schnoddrig, aber auch enorm energiegeladen und druckvoll. Und eine der heißesten Sludge-Bands. Davon kann man sich demnächst auch live überzeugen.

Nach dem Debüt 2012 spielten Raketkanon unzählige Konzerte und faszinierten mit ihrer energiegeladenen Spielweise auf den großen Festivalbühnen des Eurosonic, Dour Festival, der Fusion, beim Plissken und vielen Weiteren. Die Belgier ließen derart aufhorchen, dass Steve Albini, der mit Größen wie Nirvana und The Pixies gearbeitet hatte, den Jungs anbot, deren zweites Album zu produzieren.

Die Produktion von RKTKN #2 stellt die entsprechenden Soundattribute aus: Der Sound ist scheppernd, düster und klingt als würden Nirvana in einer unterirdischen Garage die Pixies covern. In dieser gleichermaßen verstörenden wie betörenden Musik kommen Anklänge an den Doom Metal und einen sehr Grunge-lastigen Stoner Rock zusammen und verbinden sich gelegentlich mit explosivem Hardcore zu einem Gemisch ganz eigenen Kalibers.

Die Mittel der Wahl sind extrem dunkel gestimmte und verzerrte Gitarren, düster dröhnende Synthies, der sich gern gelegentlich effektvoll psychedelisch aufspreizen, ein treibendes Schlagzeug und ein Orgelspiel, das scheinbar von Satan persönlich betrieben wird. Der helle Gesang kommt ohne Growls aus, wird klanglich verformt und wechselt von schleppend-klagenden Passagen in wütende Hardcore-Phasen. Das Bemerkenswerteste an Raketkanon ist dabei, welche Sogwirkung diese Songs entfalten.

Wer gerne mal hören würde, wie es klänge, wenn Nirvana, Alice in Chains, The Pixies und Glassjaw auf einem Alkohol-, Tranqualizer- und Speedcocktail beschließen würden, gemeinsam im Geiste von Black Sabbath zu musizieren und sich zwischen Hardcore und Doom nicht entscheiden zu müssen glaubten, dem kann man Raketkanon wärmstens empfehlen. Wie wenig Umstände die Band dabei macht, erkennt man übrigens auch daran, dass alle Songs des Albums nach Vornamen benannt sind, darunter auch „Harald“, wozu es ein Live-Video gibt.

Wenn es zeitgemäßen Grunge ohne Selbstmitleid gibt, dann findet man ihn bei Raketkanon.
Das muss man im Prinzip bei einem der folgenden Termine überprüfen:

06.04.2015 Dortmund, FZW
07.04.2015 Zürich, Rote Fabrik
08.04.2015 Bern, Reitschule
09.04.2015 Lausanne, Le Romandie
18.04.2015 Offenbach, Hafen 2 (neuer Termin)
19.04.2015 Mannheim, Melting Butter Session
20.04.2015 Mannheim, Zum Teufel
21.04.2015 Dresden, Beatpol
22.04.2015 Berlin, Cassiopia
23.04.2015 Hamburg, Astrastube
05./06.06.2015 Ellerdorf, Wilwarin Festival

Homepage: www.raketkanon.com
Facebook: www.facebook.com/Raketkanon
Twitter: www.twitter.com/raketkanon

Text: Mirco Drewes