Drei Jahre nach dem großartigen achten Album Standing At The Sky’s Edge legt Richard Hawley nun sein neues Solo-Album bei Parlophone vor. Der Barde aus Sheffield mit dem Faible für den Old-School-Sound des Rockabilly und klassisches Songwriting schickt sich mit Hollow Meadows an, Kritik und Publikum gleichermaßen zu begeistern. Das Mittel der Selbsterfahrung heißt Folk. Ein Meister des impressionistischen Erzählens ist Jarvis Cocker-Intimus Hawley schon immer gewesen. In seinen Alben fungieren die Gegend und die Menschen um Sheffield immer wieder als Inspiration und Spiegel poetischer Gefühlswelten. So intim und persönlich wie auf Hollow Meadows ist er nie gewesen.

Das Cover ziert ein Bild des Sängers, das sich in einem gebrochenen Spiegel zeigt. Das Artwork macht sich auf Spurensuche: Die Bruchlinien im Glas sind bei nahem Hinsehen nicht mehr nur Marken eines abgeschlossenen Zerstörungsprozesses. In den winzigen Prismen strahlen Farbschleier, scheinen neue Blüten zu knospen.

Richard Hawley spürt der Verwandlung nach, die aus Schmerz, der Fehlbarkeit des Einzelnen und der Vergeblichkeit entspringt. Kein Zweifel: Thema ist wesentlich das Älterwerden. Der schöpferischen Versenkung ins Persönliche entspricht der Album-Titel. Bis 1724, so will es die Legende, die Hawley bemüht, hieß die Gegend Auley Meadows, womöglich benannt nach den Vorfahren des Sängers, die von 1300 bis 1600 angeblich dort lebten.

Das nach außen drängende Erzählen des Vorgängers, die Orientierung auf den Rock als Mittel des Erzählens ist auf Hollow Meadows einer klaren Folk-Ausrichtung gewichen. Drängende Sehnsucht und drohende Verzweiflung – davon erzählte Standing At The Sky’s Edge. Hollow Meadows beleuchtet hingegen die Wehmut und nachdenkliche Melancholie einer Rückschau auf die hinter dem lyrischen Ich liegende Wegstrecke.

Seine unbestrittenen Qualitäten als Crooner lebt Hawley, dessen Stimme mit den Jahren heiserer und weiß Gott nicht schlechter wird, aus. Die Stimmung gerät dennoch selten selbstmitleidig, sondern entspricht dem gefassten Mannesalter. Man kann Richard Hawleys neues Werk als sein Romantischstes bezeichnen. Hier wird ein wahres Songwriterkunststück vollbracht: Die Arrangements sind dezent, elegant und transportieren dennoch eine elegische und feierliche Stimmung.

Erstmals wurden die Songs im heimischen Studio, einem umgebauten Stall des schönen Namens Disgraceland, vorproduziert. Der bewährte Stamm um Produzent Colin Elliot wurde um eine Reihe von Größen des britischen Folk erweitert. Gitarrist Martin Simpson steuert die Slide-Guitar und Banjo zu Long Time Down bei. Nancy Kerr und ist an Geige und Viola auf gleich drei Songs zu hören. Die Freundschaft zu Norma Waterson hob Heart of Oak aus der Taufe. Pulp-Frontmann Jarvis Cocker mischt bei Nothing like a Friend mit.

Den Opener gibt mit I still want you einer der vielleicht eindringlichsten und schönsten Songs Richard Hawleys, den dieser zusammen mit seinem Gitarristen Shez Sheridan geschrieben hat. Eine hingehauchte Rock-Ballade mit luftigem Jazz-Einschlag und von Streichern gehobenem Refrain. Es folgt The World looks down – eine zärtlich Synthie-gespacte mehrstimmig gesungene Klammerblues-Nummer. Die erste Single-Auskopplung Which Way knüpft als schrabbelige 50ies-Rockabilly-Nummer eng an den Vorgänger an, nimmt damit aber eine moderate Sonderstellung auf dem Album ein.

Repräsentativer ist Serenade of Blue, perfekt arrangierter Folk-Rock mit leichtem Bossa Nova-Einschlag. Long Time down zeigt Richard Hawley als großen Verehrer und würdigen Nachfolger von Lee Hazlewood, Nothing like a Friend erinnert an den späten Johnny Cash. In seinem erzählenden Gestus und dem epischen Arrangement mit Backgroundchor in der Hookline stellt sich Hawley mit Sometimes I feel meisterhaft und lässig neben den großen Leonard Cohen. Mit dem unscheinbaren und mittagsschläfrigen Tuesday PM beweist Hawley fast ein Talent zum Ironiker, wäre nicht der gestrichene Kontrabass, der dieses Stück einzig etwas fragwürdig erscheinen lässt.

Der vorletzte Song, Welcome the Sun, ist der längste des Albums und scheint direkt auf Standing At The Sky’s Edge zu antworten. Hieß es dort warnend Don’t stare at the Sun too long, wurde die Gefahr im Moment des Glücks beschworen, lautet die Losung nun beschwörend und fast meditativ: Who knows where you go to, when you close your Eyes. Heart of Oak als wunderbar rundes Stück Blues-Rock leitet das Finale des Albums ein, welches mit What Love means in Form einer altersweisen und sehr milden Folk-Erzählung kommt.

Hollow Meadows zeigt einen ge-, fast verwandelten Richard Hawley, einen gereiften Songwriter, der seinen eigenwilligen Sinn für mystizistische Romantik meisterhaft in die Form des Folk legt. Freunde des Vorgängers werden sich freilich Zeit zur Gewöhnung nehmen müssen. Allerdings lässt sich Zeit weitaus schlechter verbringen. Während Richard Hawley auf seine rückwärtsgewandte und zugleich erneuernde Art Bilanz zieht, spekuliert der geneigte Hörer über den zukünftigen Weg dieses großen Musikpoeten. Mit Hollow Meadows scheint dieser offener denn je.

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Konzertbericht: Richard Hawley – 20.05.2010, Hamburg Gruenspan
Rezension: Richard Hawley – Truelove’s Gutter

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Text: Mirco Drewes