Rodney Crowell gehört zur ersten Garde amerikanischer Songwriter. Crowell ist zweifacher Grammy-Gewinner, Mitglied der Nashville Songwriters Hall of Fame und hatte in jeder Dekade seit den 1970er Jahren einen Top Ten-Hit. Ob mit Cover-Versionen von Country-Legenden wie Johnny Cash oder Waylon Jennings, heutiger Stars wie Keith Urban oder Bob Seeger oder mit eigenen Songs – Crowell ist es stets gelungen, die Ansprüche des Mainstreams und authentischen Songwritings zu verbinden. Einen Hinweis darauf, wie so etwas möglich ist, gibt das neue Album Tarpaper Sky.

Im Titel gewidmet ist Tarpaper Sky der wundervollen Aussicht in dem notdürftig ausgebauten Dachboden, in welchem der junge Crowell seine Kindertage in Houston verbrachte. Auch das musikalische Team, das Crowell um sich schart, knüpft Bande zur guten alten Zeit: Steuart Smith steht wieder als kongenialer Partner an der Seite Crowells und bringt seine kreative Energie in das Arrangement ein, ist Co-Produzent und spielt gleich ein halbes Dutzend Instrumente, natürlich auch die akustische und E-Gitarre. Damit ist das Traumduo der 80er Jahre, das mit Diamonds and Dirts das vielleicht meist geliebte Album in Crowells langer Karriere hervorgebracht hat, wiedervereint.

Michael Rhodes am Bass, John Hobbs am Piano und Eddie Bayers komplettieren die Tarpaper Band, dazu bereichern gleich knappe zwei Dutzend Musiker die Aufnahmen von Tarpaper Sky als Gäste. Beim Zusammenschluss der Country Legende mit New West Records wurde offensichtlich nicht gerade gekleckert. Was hat Rodney Crowell nur ein Jahr nach seiner Zusammenarbeit mit Emmylou Harris, die Old Yellow Moon den Gewinn der Americana-Music Awards und eines Grammys für das beste Americana Album einbrachte, zu bieten?

Eine ganze Menge. Tarpaper Sky enthält ausschließlich selbstgeschriebene Songs, die allesamt in einem warmem Sound und einer eingängigen Vertraulichkeit daherkommen. Schon beim ersten Hören hat man das Gefühl, als hätte man einen alten Schatz wiederentdeckt. In diesem Höreindruck zeigt sich Rodney Crowells Meisterschaft. Die elf Stücke des Albums sind souverän und dicht arrangiert und bisweilen derart breit instrumentiert, dass man manchmal an Big Band-Sound denken möchte. Thema der Songs, die zwischen rollenden Country, sanft hingetupftem Blues und stampfendem Dixiesound changieren, sind die verletzte Seele und die großen Lektionen, die das Leben bereit hält.

Highlights sind gewiss das melancholische The Long Journey Home, das muntere Fever on the Bayou, sowie das derart klassische Frankie Please, von dem man schlicht nicht glauben mag, dass es sich um einen neuen Song handeln soll. Auch Flyboy & The Kid ist in dieser Aufzählung zu nennen.

Tarpaper Sky ist großes Country-Kino, ein Album souveräner Meisterschaft, musikalisch großartig umgesetzt und abwechslungsreich. Der einzige Kritikpunkt hängt womöglich mit eben seiner Perfektion zusammen: Bei aller Grandezza jedes einzelnen Songs kommt insgesamt das wirkliche Gefühl für den Songwriter Rodney Crowell, die emotionale Seite des Künstlers und des Albums, etwas kurz. Ein Künstler wie Rodney Crowell wird damit leben müssen, Kritik auf allerhöchstem Niveau zu bekommen. Und er wird es können, denn mit Tarpaper Sky beweist Crowell einmal mehr, dass Erfolg auch eine Folge musikalischer Kunstfertigkeit sein kann. Eingängig, meisterhaft und von klassischer Güte präsentiert sich der große Mann des Country auf seinem neuen Album.

Homepage: www.rodneycrowell.com
Facebook: www.facebook.com/RodneyCrowellOfficial

Text: Mirco Drewes