Tourette, das aktuelle und insgesamt zweite Album von Eugenio Caria alias SaffronKeira, beginnt ungewöhnlich. Eine durchdringende, konstante Sinuswelle dringt durch die Boxen, schwebt als beeindruckendes Mittel durch den Raum. Erst nach und nach folgt synthetisches Zirpen und Flirren, einen eindeutig erkennbaren Rhythmus sucht man auf First Steps jedoch vergeblich. Ein bemerkenswerter und nicht unbedingt alltäglicher Anfang zu einer knapp achtzigminütigen Soundreise. Allerdings erwartet man auch kaum anderes, wenn man sich einem Ambient-Konzeptalbum über neurologisch-psychiatrische Erkrankungen widmet.

Der Italiener Caria, der bereits durch sein Debütalbum A New Life vor circa einem halben Jahr von sich reden machte, wählt im weiteren Verlauf noch öfter seltsame Klänge, um das Tourette-Syndrom – zumindest will uns ja der Albumtitel weismachen, es drehe sich um genau diese Krankheit – in Sound zu packen. Während die erstklassig programmierten und produzierten Rhythmen hin und wieder wirklich an durch das Hirn zuckende Impulse erinnern, hinterlassen die Sprachsamples auf Motion mehr Fragen als Antworten.

Vor allem das fantastische Klangdesign, das kalte, technoide Soundschnipsel mit warmen, analogen Instrumentensamples verbindet, lässt stets aufs Neue aufhorchen. Das zwölfminütige Obsessive Compulsive rattert und knackt bereits auf zwei Boxen so, als wäre es für Raumklang prädestiniert und gibt einem, gerade in einem abgedunkelten Raum, das Gefühl, als schlichen Mäuse oder Ratten um einen herum. Die überlauten EKG-Geräusche tragen zur vermeintlichen Horrostimmung bei und hieven den Track so über den Ambient-Durchschnitt. Auch Insensible Crash sticht durch neo-klassische Soundflächen, die in ihren besten Momenten an Großmeister wie Ligeti erinnern, heraus, die den Hörer mit Verzweiflung und Ohnmacht durchfluten. Bemerkenswert, wie Caria es schafft, mit bloßen Wandteppichen aus Klang, solche Gefühle hervorzurufen.

Nachdem mit The Hope das Album ein etwas zu schwülstiges Ende gefunden hat, begreift man, was sich bereits am Anfang abzeichnete. Tourette stellt ein mutiges und einmaliges Dark Ambient-Werk dar, überdurchschnittlich gut produziert und erstklassig abgemischt. Einzig als Hintergrundbeschallung funktioniert das Werk eher weniger gut – dafür verlangt es seinen Hörern zu viel ab, zerrt zu sehr an den Nerven, die durch elektrisierende Soundscapes bereits wie Drahtseile gespannt sind. Obendrein würde ein beiläufiges Hören ihm auch gar nicht gerecht werden, denn dafür ist Tourette einfach viel zu gut.

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Text: Fabian Broicher