Skepsis ist angesagt, wenn sich TV-Stars plötzlich als Musiker inszenieren. SpongeBob ist es in den letzten Jahren gelungen, derartige Bedenken längst zu widerlegen. Der Zeichentrick-Schwamm hat sich als kreativer Songwriter und Genie des Samplens und kunstvollen Plagiierens erwiesen. Nach sieben Alben in den vergangenen fünf Jahren stellt sich die Frage, ob SpongeBob dem Hörer wirklich künstlerisch Neues zu sagen hat. Er hat, Mein Gedudel überzeugt als abwechslungsreiches und sehr persönliches Konzeptalbum. 2011 war das Jahr, in dem sich der gefeierte TV-Star SpongeBob endgültig als Musiker etablierte. Mit dem dritten Album BOBmusik – das gelbe Album gelang der internationale Durchbruch, in Österreich erreichte der Nachfolger der zu früh herausgegebenen und nicht sehr erfolgreichen Greatest Hits Gold-Status.

Das folgende Blaue Album und Das total abgedrehte Album brachten den singenden Schwamm in die Spitze der Albumcharts in Deutschland und Österreich und festigten den Ruf SpongeBobs als Meister genialer Coverversionen. Doch sollte die Erfolgswelle zu arg geritten werden, denn gerade ein halbes Jahr nach dem Volltreffer BobStar – das total abgedrehte Album wurde mit Bob Hits – das allerbeste Album ein Nachfolger präsentiert, der klar hinter den Erwartungen zurückblieb. Eine schwierige Situation für einen emotionalen und umtriebigen Künstler wie SpongeBob.

Der Schwamm ist in Klausur gegangen und hat Entscheidungen getroffen. Das neue Album trägt den Titel Mein Gedudel, ein sehr persönlicher Name, der lässiges Understatement verrät. Die Zeit der Farbenlehre und der Superlative scheint vorbei. Auch in Sachen Produktion setzt SpongeBob auf Altbewährtes: Mein Gedudel entstand unter Leitung von Beatgees, die auch für die Herstellung des goldveredelten „gelben“ Albums verantwortlich zeichneten. Thematisch scheint SpongeBob ebenfalls ganz bei sich zu sein. Statt es auf Smashhits anzulegen, entführt der singende Schwammkopf in die Welt Bikini Bottoms, seiner Heimat, die er uns im locker geknüpften Gewand eines persönlichen Konzeptalbums näher bringt.

Mein Gedudel erzählt in unaufgeregten und atmosphärisch lebendigen Arrangements Geschichten aus dem Leben eines Schwamms, die für sich stehen – und für viel mehr. SpongeBob bleibt den großen Themen treu, die auch seine Arbeit als TV-Star kennzeichnen: Es geht um das Erfüllende und Schmerzliche von Freundschaft, um das moralische Dilemma, Gutes zu wollen und Schlechtes zu schaffen, um die Grenzen die die Privatsphäre dem Zwischenmenschlichen auferlegt und um die Gefahren des Kapitalismus. Über diese seine Lebensthemen singt SpongeBob auf Mein Gedudel in sehr persönlicher Art und knüpft einen extrem emotionalen Geschichtenreigen, der eng an seine Lebenswirklichkeit gebunden ist.

Der psychedelische Opener Bibabo… erzählt vom hoffnungsvollen Start in einen neuen Tag und kippt plötzlich in ein Horrorszenario um: Patrick, SpongeBobs bester Freund, ist verschwunden und scheint von einem mutierten Monster gefressen worden zu sein. Die Suche nach dem Seestern und nach Antworten auf die großen Fragen beginnt.
SpongeBob zeigt sich bereits eingangs des Albums als Songwriter auf der Höhe poetischer Reflexion. Steht dieses Monster, diese äußere Bedrohung einer scheinbar heilen Welt nicht vielmehr für einen Feind, der in unserem Innern lebt? Welche Welt würden wir sehen ohne Verdrängung? Fragen, die SpongeBob im heiteren Gewand seiner abgründigen Lyrics stellt, denn ein Entrinnen vor dem Monster gibt es nur in einem Leben auf Zeit, in einer selbstgepusteten Fluchtblase.
So reflektiert SpongeBob intelligent und in persönlichen Geschichten die Probleme und Paradoxien des Schwammseins. Er erzählt davon, wie es ist, durch die Führerscheinprüfung zu fallen, weil man Wirtschaftsspionage verhindern will. Davon, dass Schnecken noch langsamer werden, wenn man sie anbindet und wie die Hektik unserer Zeit ein Vorankommen gerade unmöglich macht. Welche Panik die Wohlstandsgesellschaft ergreift, sobald das Krabbenhack aus ist. In allen diesen Sujets geht es um die Lebenswelt SpongeBobs, der sich gesanglich auf Mein Gedudel hochemotional wie immer zeigt.

Für zusätzliche Tiefe und den großen Erzählbogen dieses Konzeptalbums, dessen Kreis sich zum Ende schließt, als SpongeBob Patrick schlafend findet, stehen auch die zahlreichen Gaststars, die sich ein Stelldichein geben. Ob Mrs. Puff, Gary oder Sandy, sie alle haben überzeugende Gastauftritte in diesem Unterwasser-Allstar-Reigen. Selbst Mr. Krabs und Thaddäus konnten von SpongeBob für Arrangements gewonnen werden, bei denen sie sich mit bärbeißigem Charme von ihrer besten Seite zeigen und sich gar selbstkritisch mit den Tendenzen unserer Zeit auseinander setzen.

So besingt Mr. Krabs das Geschäftsgebaren seines Restaurants in Krosse Krabbe in einer abgründigen Wirtschaftsmoritat der Globalisierung: „Ich brauch keinen Urlaub, ich brauch kein Geld / Kommt herein – immer rein, Krosse Krabbe. Mütze auf, und ich brat für die Welt, denn ich bin der Frikadellenheld“. Große Lyrics, getextet auf ein Cover der albernen Seemannsromantik-Band Santiano. „Von fern herbei aus dem hinterletzten Meer, kommt herein – immer rein, Krosse Krabbe / Satt, satt, satt sei die ganze Welt. Jetzt geh ich nach Haus und zähl mein Geld.“

Krosse Krabbe ist ein Song, der wie die anderen Coverversionen von Avicii, Icona Pop, Asaf Avidan, Gala, Bellini und Tacabro zweierlei zeigt: „Mein Gedudel“ offenbart SpongeBob als Meister der Anverwandlung, die Coversongs werden brillant neu betextet und in lässigem Discosound maßgenau in das Gesamtkonzept dieses persönlichen Geschichtenzyklus, der insgesamt 19 Songs umfasst, eingepasst; und erst in der Anverwandlung durch den Meister des Samplings lässt sich erkennen, wie albern und grundkorrupt die Originale eigentlich sind.

Musikalisch und textlich verrät SpongeBob einen enorm weiten Horizont, gesanglich beschwört er in verlässlicher Hysterie die ganze breite Gefühlspalette, der Schwamm swingt, heult, kreischt und lacht. Dabei bleibt SpongeBob eng bei seiner Welt, der Fahrschule, der Krossen Krabbe und bei seinen Freunden. Mein Gedudel ist ein herausragendes und musikalisch lässig zwischen den Genres, Pop, Dance und Folk changierendes Konzeptalbum, ein Seemeilenstein authentischen Songwritings und dürfte mit seinem psychedelischen Humor Kinder wie Kiffer gleichermaßen begeistern.

Wie heißt es im titelgebenden Song: „Läuft das Lied bei mir den ganzen Tag ist es Musik, die ich total gern mag. Verdreht wie das Fell vom Pudel wird das Innerste meines Gehirns vom Gedudel.“ Yeah. „Hast du’s im Griff, oh nein, das hast du nicht. Es legt sich auf dich wie eine Klebstoffschicht. Weich wie gekochte Nudeln, darum hört mir zu, denn das ist mein Gedudel. Hört es euch an, denn das ist mein Gedudel“. SpongeBob ist wieder voll da, ein großartiges Album, rundum gelungener Schwammsinn.

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Text: Mirco Drewes