Um es direkt zu sagen: Verfügt ein Branchenriese über die Rechte an diversen wirklich außergewöhnlichen 80iger Jahre-Songs, so ist das eine wunderbare Sache. Legt dieser Branchenriese dann vier Originalalben der Band, die diese außergewöhnlichen 80iger Jahre-Songs zu bewerkstelligen hat, neu auf, so ist das zumindest für viele Musikfachleute ein kleiner Grund zum Feiern. Tja, was aber, wenn dieser Major von einer Plattenfirma kaum zwölf Monate später noch eine Art von Best of-Sammlung hinterherschiebt? Dürfen wir dann bereits von Ausverkauf sprechen? Von unverantwortlich, taktisch brutal effizienter Geldmacherei?

Ja, dürfen wir. Uns im Fall von Talk Talk aber dennoch freuen. Und das nicht zu knapp. Denn wer immer im Hause EMI auch den Hut aufgehabt haben mag bei dieser Aktion – er hat definitiv nicht nur monetäre, sondern auch diverse artifizielle Gedanken im Kopf gehabt. Und so kommt die Neuauflage der Talk Talk- Best Of genaugenommen als Triumvirat daher.

Zum einen wäre da Natural History zu nennen, einer jener neomodischen Bastarde aus CD & DVD, der bei aller Ausrechenbarkeit aber just in dieser verdammten Logik zu begeistern weiß. Die Platte als solche kam im Grunde bereits 1990 heraus, neben einer um drei Tracks erweiterten Playlist hat jedoch Talk Talk-Mastermind Mark Hollis ein ganz neues Cover entworfen, das – wir geben es gerne zu – so großartig und stilvoll geworden ist, dass wir es uns gerne in unser Regal stellen. Das aufgepeppte Booklet als solches handelt ein wenig mit heißer Luft und verrät nichts über diese vielleicht intelligenteste aller Synthie-Pop Bands, was nicht eh längst bekannt wäre. Plus einigen Facts, die nun wahrlich nicht in der Form hätten aufgedröselt werden müssen. Aber, ja, alles was Rang und Namen hat im Imperium von Talk Talk drängelt sich hier chronologisch aufgereiht an uns vorbei: Der unvermeidliche Klassiker It’s My Life ist genauso dabei wie die seltsamer Weise viel öfter in Dudelradios zu hörende Leidensnummer Such A Shame. Das gar nicht so selbstreferentielle Talk Talk entfaltet noch immer seine größtmögliche Wucht, wenn es im Verbund mit dem enigmatischen Today des Weges kommt. Und nach hinten heraus, unvermeidlich bei einer Band, die sich innerhalb kürzester Zeit derart gewandelt hat wie Talk Talk, wird es immer unpoppiger, breitflächiger, erlesener: Give It Up, Life’s What You Make It oder Happiness Is Easy repräsentieren die späteren Jahre der Londoner. Auf der dazugehörigen DVD gibt es schließlich zehn zu dieser Best Of-Ansammlung gehörge Videoclips zu sehen, die gesammelt für sich nun wahrlich in den Schrein eines jeden Pop-Theoretikers und Synthie-Stilistikers gehören. Viele der dort versammelten Aufnahmen gehören, das darf wohl ohne Übertreibung gesagt werden, zu jenem Material, das Musiksender wie MTV ein gutes Jahrzehnt lang zu einer journalistisch und künstlerisch glaubwürdigen Angelegenheit haben werden lassen.

Als Bonus gibt es dann noch – als eigenständig zu erwerbende CD – Natural Order, eine von Mark Hollis zusammengestellte Raritätensammlung, die nominell wie optisch zwar den Eindruck erweckt, zwingend mitgekauft zu werden, jedoch wirklich eher ein Leckerbissen für jahrelange Fans und Pop-Alleshaber ist. Zehn Songs aus den Jahren 19982 – 1991 finden sich hier, unter anderem die Single-B-Seiten John Cope und For What It’s Worth oder eine alternative Version von After The Blood.

In Summe eine kaufmännisch wieder einmal blitzsauber zusammengestellte Songansammlung aus dem EMI, die in Aufmachung und Material-Klasse jedoch auch das rein kunstorientierte Auge und Ohr zu begeistern weiß.

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Text: David Wonschewski