Die bemerkenswerteste, mit Sicherheit aber die ungewöhnlichste Kollaboration dieses Jahres erscheint dieser Tage in Form von Still Smiling von Teho Teardo und Blixa Bargeld. Der italienische Teardo, bekannter Komponist in seinem Heimatland und Gründer der Band Meathead, und das Rumpelstilzchen der deutschen Experimentalmusik Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten, arbeiteten zum ersten Mal im Jahr 2009 bei einer Theaterproduktion zusammen. Scheinbar belebte die gemeinsame Arbeit den kreativen Geist beider Männer, sodass sie zunächst gar nicht mehr aufhörten zu schreiben und zu komponieren. Dem beeindruckenden Ergebnis kann man nun auf Still Smiling beiwohnen.

Unvermittelt ruhig wurden die Songs instrumentiert. Dabei stehen zumeist die Streicherklänge des Balanescu Quartets und Martina Bertonis Cello im Mittelpunkt, die Bargelds Stimme mit mal fließenden, mal rhythmischen Klängen untermalt. Eher hintergründig fügten Teardo und Bargeld schließlich Gitarren, elektronische Instrumente, Orgel oder experimentelle Perkussion hinzu. Dadurch entstand ein einheitliches, seltsam entrücktes Klangbild, das sowohl entspannt als auch anregt. Mitunter meint man gar Postrockstrukturen auszumachen, wie auf dem herausragenden Nocturmalie, das aufgrund seiner starken elektronischen Schlagseite etwas aus dem Rahmen fällt und nicht zuletzt wegen Bargelds starkem Gesang an die Neubauten in ihrer (für mich) stärksten Phase zur Jahrtausendwende erinnert. Ohne Probleme hätte es auch auf dem Album Silence Is Sexy erscheinen können. Auch auf dem Titeltrack Still Smiling überzeugt Bargeld durch seine teilweise schräg verstellte Stelle, sodass er wirklich manchmal wie ein gruseliger Clown klingt, der immer wieder den Titel proklamiert.

Auch Come Up And See Me verweigert eher die sorgfältigen Songstrukturen und gerät dadurch erstaunlich unnahbar. Allerdings wenden die beiden Musiker sich nicht komplett herkömmlichen Songstrukturen ab. Alone With The Moon erinnert an eine Hommage an die großen amerikanischen Songwriter. Die beiden verrückten Kammerpopnummern Axolotl und Buntmetalldiebe (doch, doch, es geht wirklich um Buntmetalldiebe, die zu guter Letzt sogar das Internet stehlen), beide komplett in Deutsch vorgetragen, atmen ebenfalls in Ansätzen diesen Geist. Apropos deutsch – Bargeld singt auf Italienisch, Deutsch und Englisch gleichermaßen. Das funktioniert erstaunlich gut, gerade auf dem Opener Mi Scusi, in der er seine eigene weltmännische Ader in Frage stellt (Wer bin ich in einer anderen Sprache? / Kommen die Metaphern mit mir mit?) oder im experimentell-düsteren What If…?

In jedem Ton und in jeder stillen Pause steckt scheinbarer Plan; manch Kunstbanause wird dies als Kalkül bezeichnen. A Quiet Life, der allererste Song, der von Teardo und Bargeld gemeinsam geschrieben wurde, sollte diese jedoch zum Schweigen bringen. Es wiegt sich das Streichquartett, während das Cello rhythmisch hämmert und das Piano dunkle ganztaktige Noten auf die Einsen hämmert. Das ist nicht besonders revolutionär, allerdings herzzerreißend schön. Und wieder mal möchte man Bargeld für seinen Gesang – man lausche in diesem Falle nur einmal seinem Hintergrundgesang, der bei manch anderem sehr peinlich geklungen hätte – über den grünen Klee loben. In jeder Hinsicht ein bemerkenswertes Album, das eine ganz eigene und doch ungewöhnliche Atmosphäre besitzt, irgendwo zwischen Filmsoundtrack und dunklem Artpop. Mitunter nichts für den schnellen Genuss, sondern eher etwas für die musikalischen Feinschmecker unter uns, benötigen die zwölf Songs bestimmt ein paar Hördurchläufe, um wirklich Sinn zu machen. Dann allerdings funktionieren sie umso besser.

Homepage: tehoteardo.com/en/opera/album/teho-teardo-blixa-bargeld
Facebook: www.facebook.com/tehoteardopage

Text: Fabian Broicher