Doch, ganz sicher: Das hat was mit der nordamerikanischen Luft zu tun. Dem nordamerikanischen Wind, der in einem nordamerikanischen Herbst das nordamerikanische Laub von nordamerikanischen Bäumen weht. Anders kann man ihn sich nicht erklären, diesen goldgelben, hie und da zum kastanienbraun tendierenden Folk. Denn es eben nur dort gibt. Nur dort. Nein, keine Spielart von Folk, kein neues Trendgedresche, keine Brooklyn-Hippness. Sondern: Folk. Einfach nur: Folk. Denn genau den, in seiner anrührenden, beruhigenden, schönen und mitunter nostalgisch-dämmernd schwelgerischen Spielart bieten The Milk Carton Kids. Nennen wir es also gerne: Die Essenz von dem, was Folk einmal war. Und was zumindest wir hier in Deutschland nicht mehr so pur und rein erleben durften wie bei den Kings Of Convenience.

Wir merken: Da geht was im Norden, hüben wie drüben. Drüben haben The Milk Carton Kids – ein kalifornisches Duo bestehend aus Kenneth Pattengale und Joey Ryan – für ihr 2013er Debüt The Ash & Clay eine Grammy-Nominierung für das „Best Folk Album“ einstreichen dürfen. Eine schöne Sache – bekanntlich jedoch eine große Bürde zudem. Und die vielen namhaften Fans der ersten Stunde (Billy Bragg, die Coen-Brüder, Marcus Mumford, Jack White) machen die Sache bekanntlich nur bedingt einfacher. Eine Herausforderung, die The Milk Carton Kids auf Monterey nun auf eindrückliche Weise umschiffen, konterkarieren sie ihren so friedlich-harmonischen Doppelgesang, der sich in seinen besten Momenten in einer sphärischen Traumlandschaft zwischen Simon & Garfunkel und den Fleet Foxes einpendelt, doch mit durchaus düsteren, geradezu eschatologischen Texten. So hören wir im Opener Asheville Skies:

Could hope have sprung eternal on darkened, dreary roads?
The heart that beats nocturnal knows not where it goes
We listen for the signal to raise the dirt again
Our livelihood is equal to the air that breathes us in

Ja, hören wir genau hin, so erleben wir sie doch noch, die durchaus alternativ und konfrontativ angehauchte Seite von The Milk Carton Kids, die immer wieder in geradezu surrealistischem Bildgewand daherkommt. The Ash & Clay, das Vorgängeralbum war so ist zu vernehmen, ein durchaus politisch daherkommendes Unterfangen. Von einem solchen Ansatz ist auf Monterey nun nichts mehr zu vernehmen, aus gesellschaftlicher Verantwortung ist eine in seiner permanenten Zaghaftigkeit vehement vorgetragene Sinnsuche geworden, eine persönliche Zurschaustellung einer bedrohlich-intimen Erfahrung einer dem Untergang geweihten Welt. Und so ist es wie nebenbei auch zu einem Road-Album geworden, begegnen wir doch allerorten jener Unfähigkeit des Menschen einen festen Halt zu finden, zu klaren Bildern und klaren Erkenntnissen zu gelangen. Sich nicht fortwährend fortziehen, nein: verschlucken zu lassen.

Keine Frage: ein magisches Album.

Homepage: www.themilkcartonkids.com
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Text: David Wonschewski