Das erste und einzige Soloalbum von Thomas Dinger entstand unter suboptimalen Umständen. Während die Produktion des zweiten La Düsseldorf-Albums Viva stagnierte, vor allem wegen persönlicher Streitigkeiten zwischen ihm und seinem Bruder Klaus, setzte sich der deutsche Schlagzeuger einfach mal für ein paar Monate ins Ausland, genauer gesagt nach Frankreich, ab. Genervt von der Fremdbestimmtheit in der Krautrockband, beschloss er ziemlich schnell, seine nun gewonnene freie Zeit in die Produktion einer eigenen Schallplatte zu stecken. Schließlich wolle er Musik vor allem und nach wie vor für sich machen; aus exakt diesem Wortlaut entstand dann schließlich auch der eingängige wie, in Kombination mit dem Cover, etwas befremdlich wirkende Titel – Für Mich.

Mit der motorisch-, stakato-artigen Musik von La Düsseldorf hat Dingers Solomusik eher wenig gemein. Vielmehr bestimmen verträumte und getragene Klänge die ganze Scheibe. Direkt Ballgeflüster, der eröffnende Song, verweigert sich der Benutzung des berühmt gewordenen Motorik-Beats, sondern fließt für sieben Minuten im Walzertakt daher. Viel eher erinnert das Werk von Dinger mit seinem Koproduzenten und ehemaligen Bandkollegen Hans Lampe an die Arbeiten von Michael Rother, der ein paar Jahre zuvor mit Flammende Herzen eine fantastische LP vorgelegt hatte. Kurioserweise klingt der Beinahe-Titeltrack Für Dich sehr nach Dingers Hauptband, obwohl die fröhlichen Orgelklänge ihn klar von der Diskografie La Düsseldorfs abgrenzen.

Neben einleuchtend betitelten Interludes wie Leierkasten oder Allee Walzer (der zweite Song im 6/8-Takt), beweist das überlange E-605 Dingers Talent, elektronische Instrumente und Effekte geschmackvoll einzusetzen und zu einem Sinn machenden Ganzen zu formen. Vor allem die erst später einsetzende Pianomelodie hebt den Song auf eine phänomenale Ebene. Mit dem kurzen Für Euch schließt dann die Reise durch Dingers eigens kreierten Klangkosmos.

Zwar gibt es hier verhältnismäßig wenig Material zum Liebhaben, dafür kann man sich an den sechs Titeln kaum satthören. Der Legende nach entstanden die meisten der Stücke auf Dingers Balkon bei Sonne in entspannter und ausgelassener Stimmung. Diese Leichtigkeit findet sich hier durchgängig wieder und lässt Für Mich fast als Sommerkrautrockalbum wirken. Natürlich sollte die Vorliebe für sich teilweise wahrlich endlos wiederholende Akkordfolgen gegeben sein, aber das dürfte bei einer Platte aus dem Krautrockumfeld jedem klar sein. Wer sich darauf einzulassen vermag und seinen Anspruch auf technisch anspruchsvolle Instrumentenleistungen zurückschrauben kann, der kann hier ein übersehenes Album aus dem Neu!-/La Düsseldorf-Kontext entdecken. Und sich über den sehr albernen allerletzten Ton freuen.

Homepage: www.bureau-b.com
Facebook: www.facebook.com/bureaub
Twitter: www.twitter.com/bureaublabel

Text: Fabian Broicher