Whispers heißt neue Album der dänischen Songwriterin Tina Dico – und tatsächlich ist es ein sehr leises, ruhiges und kontemplatives Album. Die zehn Songs muten beim ersten Hören fast an wie ein Akustik-Set. Nach Ausflügen in die orchestrale und die elektronische Musik vollzieht Dico damit eine gewisse Kehrtwende zurück zu ihren Folk-Wurzeln. Tatsächlich sind die Stücke auf Whispers aber oft gar nicht mal so zurückhaltend instrumentiert, nur eben unaufdringlich und dezent vorgetragen. Im Vordergrund steht Dicos charakteristische Stimme, die sie selbst wie gewohnt auf der akustischen Gitarre begleitet. Orgeltöne und Chöre werden sphärisch eingesetzt, Bass, E-Gitarre und Percussion bleiben hintergründig; Flöte, Cello, Klarinette und Mellotron, Posaune und Harfe runden einzelne Stücke gekonnt ab, ohne sie indes zu überfrachten.

Viele der Instrumente steuert Dicos langjähriger Begleiter Helgi Jónsson bei. Mit dem Isländer (dem Dico auch den von seinem missglückten ersten Heiratsantrag handelnden Song Ask Again gewidmet hat, den sie anlässlich ihrer Hochzeit als Geschenk für ihre Fans auf Soundcloud hochgeladen hat) hat die Sängerin zwei Kinder. Nach den Stationen Dänemark und London ist die Handlungsreisende in Sachen Musik inzwischen weitergezogen und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Reykjavik.

Laut Dico hatte die Landschaft Islands maßgeblichen Einfluss auf das Album. Dennoch gelingt es der Künstlerin, weder stumpf folkloristisch zu klingen, noch in opulenten Bombast-Sound zu verfallen, wenn sie die eindrucksvolle Naturkulisse ihrer neuen Heimat musikalisch beschreibt. Das vom Anblick des Meeres handelnde Stück Drifting mit seiner Metaphorik vom Weggetrieben-Werden etwa spart weder an Gefühl noch an satten Klängen, ist aber zugleich melodisch-sanft und leicht melancholisch. Daran schließt sich nahtlos der Song mit dem bezeichnenden Titel Mines an, der in seiner Klarheit logische Fortsetzung und Kontrapunkt zugleich ist.

Das Gerüst für das neue Album bildeten allerdings fünf Lieder aus dem Soundtrack zum dänischen Film En du elsker von Pernille Fischer Christensen. Darin geht es um einen alternden Musiker mit gewissen Parallelen zu Leonhard Cohen – und Dico schafft es tatsächlich, den Altmeister gleich zum Auftakt mit The Woman Downstairs gebührend zu ehren, ohne dabei einen offensichtlichen Cohen-Abklatsch zu produzieren.

Interessant ist, wie selbstverständlich es Dico gelingt, die Perspektive eines Mannes einzunehmen. So schließt sich an den Album-Opener das lakonische As far as Love goes an, dessen stampfender Country-und-Blues-Rhythmus ausgesprochen ironisch wirkt. Auch das Titellied Whispers mit seiner unvermutet schroff-rockigen E-Gitarre und den gleich zwei Basslinien hat diesen gewissen Mitklatsch-Faktor, kontrastiert ihn jedoch vergleichsweise stark mit sphärischem Gesang, Chören, Harfen- und Orgeltönen.

You don’t step into Love und Old Friends sind die beiden wohl eingängigsten und konventionellsten Songs auf dem Album, fügen sich aber in ihrer Entspanntheit wunderbar in das Gesamtkunstwerk ein – zumal mit I want you gleich wieder ein Stück folgt, das einen ganz anderen Akzent setzt. Wie der Titel schon vermuten lässt, singt Dico darin nämlich von Erotik. Dabei ist sie so unverblümt wie zurückhaltend – und gerade das lässt es letztlich knistern.

Whispers ist ein persönliches und privates Album und insofern in des Wortes wahrstem Sinne besinnlich, als es ein gewollter (und gekonnter) Rückschritt weg von früheren Electronic-Spielereien und Orchesterarrangements hin zu Dicos Folk-Wurzeln ist. Es ist ein typisches Geschichtenerzähler-Album, für das sich gute Englischkenntnisse empfehlen. Darauf nimmt die dänische Sängerin mal die Perspektive einer Filmfigur ein und mal erzählt sie aus eigener Sicht.

Trotz seiner Nachdenklichkeit wirkt Whispers dabei nie kopflastig oder schwermütig, trotz des intimen Charakters nie aufdringlich egozentrisch. Tina Dico beleuchtet allerlei Facetten des ewigen Menschheitsthemas, das da Liebe heißt und irgendwie nie langweilig wird. Sie erzählt von ihrer eigenen Beziehungsreise und den währenddessen gewonnenen Einsichten, ohne sie indes als letzte und allgemeingültige Wahrheit darzustellen. Mit kleinen Abstechern macht sie zudem deutlich, dass Liebe immer mehr ist, als nur die Liebe zwischen Partnern und Paaren.

Irgendwie passt es, dass sich Tina Dico ein altes und doch zugleich immer neues Thema ausgesucht hat, um ihrerseits wieder die Alte zu werden und sich gleichzeitig neu zu erfinden. Whispers hat einen deutlichen Dico-Wiedererkennungsfaktor und gleichzeitig eine neue musikalische Frische. Hörenswert!

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Vorbericht: Tina Dico – neues Album „Whispers“ und Tour ab Oktober

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Text: Mario Nowak